Social Network(X)ing

Aufgrund spontan aufkommender Langeweile beschließe ich, wieder einmal bei Xing vorbeizuschauen. Xing ist eine Art StudiVZ für Erwachsene – eine Internetplattform, im Rahmen derer man der Welt zeigen kann, was man beruflich und privat doch für ein wahnsinnig toller Hecht ist. Oder gerne wäre…

Bei Xing, das früher übrigens OpenBC hieß, wird somit aus einem Sachbearbeiter auch gerne einmal ein „Abteilungsleiter“ oder aus einer Putzfrau eine „Geschäftsführerin im Bereich Facilitymanagement„. Ich hingegen war bei der Erstellung meines Profils seinerzeit weitestgehend ehrlich…

networking_kl.jpgSo logge ich mich – nichts Böses ahnend – ein und überfliege grob die Startseite. Plötzlich fällt mir dabei etwas ins Auge, was diesem auf Anhieb alles anders als zu gefallen vermag: in der Rubrik „Neues aus meinem Netzwerk“, einer Art Stasi-Funktion, bei der den Mitgliedern angezeigt wird, was ihre Kontakte (das sind, diejenigen Personen, mit denen man dort direkt vernetzt ist) auf Xing so alles treiben, wird mir unter anderem mitgeteilt, dass meine Freundin, mit der ich dort selbstverständlich auch verlinkt bin, seit kurzem einen neuen Kontakt ihr Eigen nennt: ein gewisser Ingo Doppenmüller, seines Zeichens Operational Risk Manager bei der Kreissparkasse Böblingen.

Angestrengt versuche ich mich daran zu erinnern, ob sie mir gegenüber jemals etwas von einem Bankangestellten namens Ingo verlauten ließ. Da wir jedoch bereits seit mittlerweile zwei Jahren gemeinsame Wege gehen, hat mein Gehirn – durchschnittlich 7.000 an mich gerichtete Worte ihrerseits pro Tag vorausgesetzt – rund 5 Millionen Datensätze abzugleichen, wovon zugegebenermaßen 70% aufgrund fehlender Relevanz mittlerweile auch wieder gelöscht sein dürften.

Dennoch endet der Datenabgleich erfolglos.

Wer war also dieser verfluchte Ingo? Sämtliche Erklärungsversuche münden stets in denselben Fragen: Woher kannten sie sich? Wie weit war ihre Beziehung hinter meinem Rücken bereits gediehen? Erwartete sie gar – ohne mich darüber informiert zu haben – ein Kind von ihm? Wann würde sie es für nötig halten, mich über seine Existenz zu informieren? Und überhaupt: wie tief muss eine Frau sinken, damit sie sich auch nur ansatzweise mit einem vermeintlichen Operational Risk Manager einer Sparkasse abgibt – vor allem, wenn dieser noch Ingo heißt?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich bin von Natur aus eigentlich alles andere als eifersüchtig – zumindest so lange ich exakt darüber informiert werde, was hinter meinem Rücken alles passiert! Deshalb spreche ich die Ingo-Sache am Abend auch nicht direkt an, sondern versuchte vielmehr, eine Erklärung ihrerseits mittels unterkühltem Verhalten meinerseits zu erzwingen. Offenbar mit Erfolg: „Ist irgendwas?“, fragt sie mich plötzlich mit – wie ich finde – äußerst schuldbewusstem Unterton.

„NEIN!“, erwidert mein nicht ganz wahrheitsgemäß agierendes Ich wie aus der Pistole geschossen und fügt ein zugegebenermaßen völlig deplatziertes „dennoch hätte ich gerne einen Vaterschaftstest!“ hinzu. „Aber ich bin doch noch gar nicht schwanger“, haucht sie mir daraufhin ins Ohr, während ihre Hand Dinge unternimmt, auf die ich an dieser Stelle aus Gründen des Jugendschutzes lieber nicht weiter eingehen möchte, „das ließe sich aber ändern…“

Obgleich ich umgehend eine spontan auftretende Migräne vortäusche, finden wir uns beide nur wenige Minuten später in der flauschigen Umgebung des gemeinsamen Doppelbettes wieder. Jedoch in einem Zustand, der ein Verschweigen weiterer Details aus Jugendschutzgründen nicht zwingend notwendig werden lässt.

„Sag mal“, durchbricht sie plötzlich die schreiende Stille, die zwischen uns steht, „ich war heute zufällig auf Xing und habe gesehen, dass Du einen neuen Kontakt hast. Wer ist eigentlich diese Simone Mayer?“

„Das“, interveniere ich mit zitternder Stimme, während sich mein Oberkörper geschockt aufrichtet, „ist etwas völlig anderes…“


(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: hofschlaeger / pixelio

Ein Kommentar

  1. Nette Geschichte, die schmunzeln lässt, nun wird mir auch der Wirbel um das neue Flirtforum („Xingle-Forum“?), pardon, 1 World Business [emotional networking)-Forum von XING verständlich 😉

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