Die perfekte Idee
Von Raymund Krauleidis | 2. Oktober 2008 | Kategorie: Business as usual»Und was bedeutet das jetzt genau?«, durchbricht Herr Rauchalles, seines Zeichens neuer Bereichsleiter im Produktmanagement die angenehme Ruhe nach dem knapp einstündigen, mit vielen bunten Bildchen und noch mehr hohlen Phrasen gespickten Vortrag unseres Marktforschers Messmann zum Thema Kundenzufriedenheit.
»Man könnte«, Messmann wird intern übrigens aufgrund seines inflationären Umgangs mit dem Konjunktiv auch gerne ›Herr Könntemann‹ genannt, »die Ergebnisse durchaus so interpretieren, dass einige Kunden - man müsste eigentlich ›einige viele‹ sagen - tendenziell eher dazu neigen, weniger zufrieden mit uns zu sein und infolgedessen ein klein wenig unloyal und wechselgefährdet sein könnten.« Wow! Drei Konjunktive in einem einzigen Satz - das ist selbst für ihn eine Spitzenleistung!
»Und wieso schaffen wir es nicht, unsere Kunden glücklich zu machen?«, fragt Rauchalles und mustert alle Anwesenden des von ihm ins Leben gerufenen ›Produktinnovationszirkels‹ der Reihe nach: Schmoltke, Kleinmann, Chef, Dworschak, Messmann, mehrere Mitarbeiter aus dem Produktmanagement, deren Namen ich mir eh nie merken kann (und auch gar nicht erst will) sowie mich. »Okay«, sagt er schließlich mehr an sich selbst gerichtet, nachdem er seinen Augenspaziergang beendet hat, »ich ziehe die Frage hiermit zurück!«
»Wir können ja unsere Produkte und Prozesse künftig ganz nach den Bedürfnissen unserer Kunden ausrichten«, meldet sich Schmoltke auf einmal zu Wort. Ehrfürchtige Stille. Ich glaube sogar kurz, den Aufprall eines ausfallenden Haares von Chef hören zu können. Wie auf Kommando beginnen dann jedoch alle Anwesenden gleichzeitig damit, lauthals loszulachen. »Klasse Idee!«, lobt Rauchalles den Buchhalter und tätschelt ihm anerkennend auf den Oberarm, »aber jetzt mal im Ernst …«
Es folgt eine Zusammenfassung der kompletten Vita des Herrn Dr. Rauchalles. Er käme ja, so erzählt er stolz, ursprünglich aus der Telekommunikationsbranche und wisse somit genau um das Bedürfnis aller Menschen in diesem Land, überall und mit Hilfe von nahezu allem kommunizieren zu können. »Wir müssen visionär denken!«, visioniert er schließlich munter vor sich hin. »Wer hätte beispielsweise noch vor wenigen Jahren daran gedacht, mit seinem mp3-Player zu telefonieren?«
»Echt, können die das? Meiner hat mich noch nie angerufen …«, zum Glück schaffe ich es mit Mühe und Not eben gerade so, diesen Gedanken nicht unmittelbar an meine Lippen weiterzuleiten und setze zur Ablenkung derselben sicherheitshalber noch mein Wasserglas an. »Ich will«, seine Stimme ähnelt mittlerweile der eines demagogischen Predigers, »dass unsere Kunden« - rhetorische Pause - »mit Hilfe der Produkte, die ich hier zu verantworten habe« - rhetorische Pause - »künftig auch« - lange rhetorische Pause; der Spannungsbogen schwingt mittlerweile, ähnlich einer frisch gezupften Gitarrensaite, deutlich hörbar durch den Raum - »telefonieren können!«
Selbstgefällig und ebenso -zufrieden lässt er seine Blicke durch die Runde schweifen: »Und? Was halten Sie von dieser perfekten Idee?« Es herrscht kollektive Sprachlosigkeit - jedoch eher fassungsloser denn rhetorischer Natur.
»Ähm …«, beginne ich gerade - zugegebenermaßen verbal etwas ungeschickt - den Einwand, der allen Anwesenden außer dem Telekomiker selbst auf der Stirn geschrieben steht, in Worte zu fassen, als mich Rauchalles auch schon unverhältnismäßig rüde unterbricht: »Und Bedenkenträger«, brüllt er durch den Raum, »mag ich schon mal gar nicht!« »Man könnte ja vorab vielleicht eine Kundenbefragung …«. Das waren übrigens die letzten Worte, die in diesem Unternehmen von ›Herrn Könntemann‹ zu hören sein sollten …
Die folgenden Monate sind geprägt von surrealem Irrsinn. Rauchalles schaffte es tatsächlich, die Freigabe des Vorstands für seine Produktidee zu erhalten und unzählige Entwickler, Berater, Entwicklungsberater sowie Beratungsentwickler verwandelten unser ehemals lauschiges Firmengebäude in ein Labor im Stile von ›Jugend Forscht‹.
Schlussendlich ist die Produktinnovation kein halbes Jahr später dann auch schon marktreif. »Und, wie sind die aktuellen Verkaufszahlen?«, Rachalles’ Neugier schlägt in seinen Augen förmlich Purzelbäume. Die restlichen Mitglieder des Produktinnovationszirkels versuchen indes, möglichst entspannt zu wegzuschauen. »Im ersten Monat«, antwortet der völlig verschüchterte Dworschak mit brüchiger Stimme, »haben wir bereits zwei Stück verkauft!« Leise fügt er hinzu: »Eins davon übrigens an Ihre Schwiegermutter …«
Ach ja, was ich bislang vergessen hatte zu erwähnen: Rauchalles’ Produktbereich nennt sich übrigens ›Sausages‹, also Wurstwaren. Die Idee der ›Telefonwurst‹ (so der Arbeitstitel des Projekts) sorgte - abgesehen vom höheren Management - von Anfang an für Skepsis in der Belegschaft.
Rauchalles weigert sich allerdings immer noch, die Verantwortung für das Scheitern des Projekts zu übernehmen. Er glaube nämlich nach wie vor an den Erfolg des Produktes. Schließlich habe ihm ein guter, wohl informierter Bekannter kürzlich zugeflüstert (natürlich »streng vertraulich«, wie er jeden wissen lässt), dass man im Hause Apple derzeit an einem vergleichbaren Projekt arbeite.
Die Tatsache, dass die Telefonwurst von der Kundschaft bislang noch nicht angenommen wird, habe deshalb auch nichts damit zu tun, dass das Produkt schlecht sei. Vielmehr habe hier eindeutig das Marketing versagt. »Mit dem richtigen Marketing kann ich doch jedem Deppen jeden Scheiß verkaufen!«, soll er gesagt haben.
Okay, der Slogan »Die erste Wurst zum Telefonieren« war auch wirklich keine Meisterleistung…
(c) Raymund Krauleidis 2008







