Get golbal!

Von Raymund Krauleidis | 6. September 2008 | Kategorie: Business as usual

»Wann bekomme ich eigentlich die Zahlen aus Bulgarien?«, quengelt Chef.
»Morgen!«
»Das haben Sie gestern auch schon gesagt!«
»Sehen, Sie«, triumphiere ich, »auf meine Aussagen ist eben immer noch Verlass!«

Bestand und Verlässlichkeit sind mittlerweile äußerst knappe Güter in unserem Unternehmen. So kann in einem dynamischen und schnelllebigen Markt - in welchem wir uns zweifelsohne bewegen - das, was gestern noch richtig war, heute schon falsch sein. Oder umgekehrt. Beispielsweise bat mich Chef neulich darum, ihm die aktuellen Umsatzzahlen aus Polen mitzuteilen - was ich dann auch umgehend tat. Allerdings stellte sich heraus, dass ihn zwischenzeitlich eher die Absatzzahlen in Kolumbien interessierten.

Seither drucke ich ihm lediglich ein paar willkürlich ausgewählte Zahlen aus und lasse ihn die jeweilige Überschrift einfach selbst eintragen. Chef war restlos begeistert von der Idee - zumindest vorgestern. Gestern konnte er sich schon nicht mehr daran erinnern. Weil der Markt, auf dem wir uns bewegen, mittlerweile einfach so enorm dynamisch, schnelllebig und vor allem international geworden ist.

Das merken langsam auch unsere Kunden. Kürzlich beschwerte sich doch tatsächlich ein solcher bei mir darüber, dass einer unserer Servicemenschen ihm angeblich vor drei Monaten einen Besuch versprochen hätte, jedoch bis heute noch nicht bei ihm aufgetaucht sei. »Der hat mich wohl vergessen«, mutmaßte der aufgebrachte Kunde. »Hören Sie mir zu, guter Mann«, wies ich ihn daraufhin zurecht, »wir vergessen nichts - wir bewegen uns lediglich in einem Marktumfeld, das uns permanente Veränderungen und Anpassungsmaßnahmen abverlangt!«

global_kl.jpgAus Kostengründen haben wir unseren Kundenservice nämlich zwischenzeitlich nach Rumänien ausgelagert. Leider erweisen sich die meisten Kunden aber noch als viel zu unflexibel, bei Problemen mit unseren Produkten die kurze Reise ins osteuropäische Fastnachbarland anzutreten. Deshalb haben wir seit kurzem auch eine kostenpflichtige Hotline eingerichtet. Momentan schulen wir unsere rumänischen Kollegen zwar noch, »Hallo, mir geht es gut. Wie geht es Ihnen?« jedoch können sie mittlerweile schon nahezu fehlerfrei aufsagen.


Die Kundschaft muss sich eben langsam daran gewöhnen, ebenfalls Teil von dynamischen und schnelllebigen Märkten zu sein. Kundenorientierung war gestern, Globalisierung ist heute. Und morgen ist vielleicht alles schon wieder ganz anders. Hauptsache man bleibt immer am Puls der Zeit - bis hin zur Tachykardie. Für was gibt es schließlich Beta-Blocker?

»Guten Morgen«, werde ich plötzlich jäh aus meinen globalgalaktischen Gedankengängen gerissen. Ob es Zufall ist, dass Schmoltke just dann in mein Büro geschlichen kommt, wenn von Beta-Blockern die Rede ist? Jedenfalls hat seine Anwesenheit sofort eine entschleunigende Wirkung auf mich. »Ich komme da nicht mehr mit«, teilt mir der Buchhalter mit und macht dabei eine Mine als wäre soeben die komplette Buchhaltung nach Indien outgesourct worden.

»Jeden Tag kommen neue Kostenstellen dazu. Von den unzähligen Länderschlüsseln ganz zu schweigen. Seit kurzem bekomme ich sogar Buchungsbelege in kyrillischer Schrift«, klagt Schmoltke. »Und angeblich wollen uns noch irgendwelche Chinesen kaufen. Mutti macht sich schon ernsthaft Sorgen, dass wir womöglich bald umziehen müssen …«

Weshalb kommt er eigentlich zum Jammern immer zu mir? »Zudem«, lamentiert es zu meiner Rechten unvermittelt weiter, »soll demnächst Englisch die offizielle Unternehmenssprache werden. Wir reden doch schon regelmäßig in Deutsch aneinander vorbei wenn es um irgendwelche Fachbegriffe oder Kennzahlen geht!«

»Eigentlich«, versuche ich ihn zu trösten, »ist es doch völlig egal, in welcher Sprache wir uns missverstehen - Hauptsache, wir tun es überhaupt!«

„Früher war eben alles ein klein wenig einfacher”, stellt Schmoltke gleichwohl melancholisch wie zutreffend fest. »Da hieß es einfach: ›Soll und Haben‹. Und nicht ›debit and credit‹, ›cargo y data‹, ›Должен идти и имение‹ oder ›Yin und Yang‹ …«

»Wo Sie schon mal hier sind«, versuche ich geschickt vom Thema abzulenken, »wann bekomme ich eigentlich endlich die aktuellen Zahlen aus Bulgarien?«

»Ups … Ähm … Mañana!«, antwortet er zögernd und mit dem leichten Anflug eines Grinsens. Auf ihn ist eben immer noch Verlass - selbst in einem extrem schnelllebigen und internationalen Marktumfeld! Und wenn wir nicht so grundlegend verschieden wären, wären wir uns vielleicht sogar ein kleines bisschen ähnlich …

(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: pixelio / hofschlaeger

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