Mein Büro soll schöner werden

Von Raymund Krauleidis | 14. August 2008 | Kategorie: Business as usual

»Haben Sie das von dem Wettbewerb in der neuen Firmenzeitung gelesen?«, fragt mich Schmoltke, als ich ihn eines Morgens wieder einmal zufällig im Aufzug begegne. Sein Seitenscheitel sitzt perfekt und der geschlossenen Aktentasche in seiner Hand entfleucht eine dezente, aber dennoch unüberriechbare Leberwurst-Note. Man munkelt, seine Mutti hätte ihm nach der letzten Preiserhöhung unseres Brötchendienstes die morgendliche Fremdversorgung untersagt. »Klar!«, entgegne ich, einer ausgedehnten Konversation mit dem Buchhalter entgegenwirkend, denkbar knapp. Ich hatte keine Ahnung wovon er sprach…

Angenommen, es gäbe auf dieser Welt aufgrund einer Verkettung äußerst unglücklicher Umstände plötzlich nur noch unsere Firmenzeitung und das Telefonbuch der Stadt Wuppertal zu lesen, so würde ich mich - wenn ich zu einer solchen Wahl gezwungen wäre - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für das Medium mit dem weitaus höheren Informationsgehalt entscheiden: dem Wuppertaler Telefonverzeichnis.

Die ersten Ausgaben der »Stillen Post« - so der originelle Name unseres Firmenorgans - hatte ich seinerzeit noch äußerst gewissenhaft durchgearbeitet. So erfuhr ich dort unter anderem, dass unser Vorstandsvorsitzender trotz seiner verantwortungsvollen Position »nach wie vor auf dem Teppich geblieben« sei und er deshalb auf der Dachterrasse seiner Ferienvilla in Cannes auch gerne mal »nur stinknormale Erbsensuppe« zu seinem 90er Château Le Pin kredenzen würde.

Desweiteren lernte ich dank der lustigen Rubrik »Außergewöhnliche Hobbys gewöhnlicher Mitarbeiter« hinzu, dass Kollege Dworschak in seiner Freizeit Frösche sammelt und Schmoltke bei den süddeutschen U30-Accounting-Meisterschaften im Jahre 1998 einen beachtlichen dritten Platz in der Disziplin »Verbuchen von Wareneingangsrechnungen« belegte. Respekt!

Mein Bruch mit unserer Firmenzeitung vollzog sich dann allerdings, als einem von mir persönlich eingereichten Vorschlag für die besagte Rubrik jegliche Berücksichtigung verwehrt geblieben worden war. Zwar, so die Begründung der Redaktion in Form von Uschi Blamayer (Leiterin Unternehmenskommunikation) sei »Playstation spielen« mittlerweile durchaus als Hobby anzuerkennen, jedoch fehle ihr hierbei das gewisse Maß an Außergewöhnlichkeit, welches für eine Rubrik namens »Außergewöhnliche Hobbys gewöhnlicher Mitarbeiter« nun mal zwingend vonnöten wäre. Seit jenem Tag wandert die »Stille Post« stets ungelesen in den Ablagekorb mit der Aufschrift »EAaibgzfzCzl« (»Eigentlich Altpapier aber ich bin gerade zu faul zum Container zu laufen«).


Von der durch Schmoltkes Frage geweckten Neugier getrieben, lege ich auf dem Weg zu meinem Büro dennoch einen kurzen Zwischenstopp an meinem Posteingangsfach ein, wo auch tatsächlich bereits die neue Mitarbeiterzeitung auf mich wartete. »Diesmal mit großem Gewinnspiel:«, springen mir die Buchstaben auf der Titelseite förmlich entgegen, »Mein Büro soll schöner werden!« Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten öffne ich das billig aufgemachte Heft und beginne zu lesen:

»Behaglichkeit schafft Produktivität! Lassen Sie Ihrer Kreativität deshalb freien Lauf und gestalten Sie Ihren Arbeitsraum so, wie Sie ihn gerne hätten. Als Hauptpreis für das schönste Büro loben wir hiermit eine einmalige, voll zu versteuernde Sonderzahlung in Höhe von 5.000 Euro aus. Der glückliche Gewinner wird durch eine aus dem Vorstandsvorsitzenden und Frau Uschi Blamayer bestehende Jury ermittelt und in der nächsten Ausgabe der ›Stillen Post‹ bekannt gegeben«.

Ich muss an dieser Stelle wohl nicht weiter erwähnen, dass sich unsere Firma in den folgenden Wochen zu einem einzigen Irrenhaus verwandelt. Es wird gebohrt, geschraubt und gehämmert. Gedübelt, genagelt, geleimt und gesteckt. Es werden Pflanzenkübel, Bilderrahmen und Ikea-Pakete durch die Gänge gehievt, teilweise neue Teppiche verlegt und neben den Kollegen wird zudem auch noch ein Großteil der Möbel verrückt - meist von der einen Ecke in die andere.

Das operative Geschäft kommt in dieser Zeit - von Geschäftspartnern, Lieferanten und Kunden übrigens gänzlich unbemerkt - nahezu komplett zum Erliegen.

Leider steckt der Wahnsinn eines schönen Tages dann auch mich an: ich trage tatsächlich den Inhalt meines »EAaibgzfzCzl«-Ablagekorbes zum Altpapiercontainer, ohne dass dafür auch nur ansatzweise eine dringende Notwendigkeit besteht. Wenn das mal keine 5.000 Euro wert ist! Just als ich wieder in mein Büro zurückkehre, steht plötzlich Chef in der Tür und schaut mich hilfesuchend an: »Hätten Sie vielleicht einen 12er Schraubenschlüssel?«

Wenige Wochen später hält die Normalität dann langsam wieder Einzug - jedoch in gänzlich veränderten Räumlichkeiten. Während es in einigen Büros aufgrund der enormen Pflanzendichte nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis sich subtropische Vogelarten darin niederlassen, erinnern andere Räume mittlerweile eher an mit Kuscheltieren ausgeplüschte Kinderzimmer. Die Bandbreite reicht vom minimalistisch-asiatischen Stil über Feng-Shui bis hin zu Büros, die ein klein wenig an dunkle SM-Keller erinnern. Schmoltke hingegen ordnete seine beiden Schreitische zu einer lustigen T-Konto-Form an und überfrachtete die Wände mit Bildern von seiner Mutti. Dem Geruch zufolge scheint er auch irgendwo einen Wunderbaum in der Geschmacksrichtung »Leberwurst« eingebaut zu haben …

Noch nie in der Geschichte der »Stillen Post« wurde die nächste Ausgabe mit solch einer Spannung herbeigesehnt wie dieses Mal. An einem sonnigen Dienstagvormittag ist es endlich soweit. Uschi Blamayer verteilt das epochale Werk sogar höchstpersönlich und legt es jedem Mitarbeiter liebevoll auf den Schreibtisch. Ich überblättere in meiner Neugier hektisch die Rubrik »Außergewöhnliche Hobbys gewöhnlicher Mitarbeiter« (diesmal mit Kollege Bernmann, der - oh, wie außergewöhnlich - Briefmarken sammelt) und begebe mich direkt zu der Seite, auf der das Büro des Gewinners abgebildet ist. Die Überraschung ist groß, denn der Raum kommt mir irgendwie bekannt vor.

Das Büro auf dem Bild sieht nämlich aus wie … eh und je - mit dem kleinen Unterschied, dass von seinem Bewohner auf dem Foto nichts zu sehen ist. Das verleiht dem Raum allerdings eine bis dato stets verborgen gebliebene Wärme und Behaglichkeit und lässt ihn irgendwie auch gleich viel heller wirken.

»Das Büro«, so ist in der Urteilbegründung zu lesen, »besticht durch minimalistische Eleganz und funktionalen Charme. Die scheinbare Normalität des Raums fügt sich als Konterpart zu den unzähligen genialen Ideen, die bislang in diesem Zimmer entstanden sein dürften, perfekt in ein einmaliges Spiel der Gegensätze mit ein.

Wir gratulieren unserem Vorstandsvorsitzenden deshalb zu dieser äußerst gelungenen Raumgestaltung und somit zum Ersten Preis: Einer steuerfreien Sonderzahlung in Höhe von 10.000 Euro!

Zudem soll ich alle Mitarbeiter im Namen des Facility-Managements drauf hinweisen, dass selbst vorgenommene Änderungen an der Büroeinrichtung umgehend wieder rückgängig zu machen sind. Aufgrund des vierwöchigen Urlaubs von Frau Wetzlaff konnten wir die Aktion leider nicht im Vorfeld mit diesem Bereich abstimmen. Wir bitten, die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.«

Lässig schleudere ich die »Stille Post« in den »EAaibgzfzCzl«-Korb, greife zum Telefonbuch der Stadt Wuppertal und lehne mich entspannt zurück. Aus dem Hintergrund dringen Geräusche an mein Ohr. Es hört sich an, als ob schon wieder jemand bohrt. Und schraubt. Und hämmert. Nur diesmal noch ein klein wenig aggressiver.

Als ob es das erste Mal wäre, dass in diesem Unternehmen getane Arbeit am Ende doch nur für den Allerwertesten ist …

(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: pixelio/ ille

Bookmarken und andere daran teilhaben lassen Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Tausendreporter
  • Webnews
  • Google Bookmarks
  • Folkd
  • Technorati

Ein Kommentar
Kommentar schreiben »

  1. […] >> schoner Ein schöner Dilbert zu (Redaktions-)Konferenzen Saved by asatruer on Tue 14-10-2008 Business as usual: Mein Büro soll schöner werden Saved by melwhite on Tue 14-10-2008 De schoner vervoer toer 2008: al meer dan 80 aanmeldingen! […]

Kommentar schreiben