Business as usual: eProcurement
Von Raymund Krauleidis | 30. Juni 2008 | Kategorie: Business as usual Artikel bewerten:„Er ist da. Liegt in der IT.”, nuschelt mir ein schlecht gelaunter Lopez aus dem Telefonhörer entgegen.
„ER IST DA?”
Ich bin vor Freude und Rührung fast den Tränen nahe, lege den Hörer auf und renne sofort los. Auf dem Gang begegne ich Schmoltke. Ich nehme ihn in den Arm und brülle dem sichtlich verwirrten Kerl immer wieder „Er ist da!” ins Ohr.
Dass ich das noch erleben darf…
Die Geschichte begann vor vielen Monaten. Da ich zwischenzeitlich aufgehört hatte zu zählen, kann ich nicht mehr genau sagen, wann. Ich hatte es jedenfalls eines Tages satt, mir meinen kompletten E-Mail-Verkehr aus Gründen sorgfältiger Nachbearbeitung tagtäglich per elektronischer Post nach Hause zu schicken. Zudem war mir diese Variante der Datenübertragung aufgrund der zunehmenden Brisanz des Themas Datenschutz mittlerweile auch viel zu riskant.
Ein USB-Stick musste her!
Also machte ich nach der Mittagspause noch einen kurzen Abstecher in unser Lager. „Moment ma’ eben”, vertröstete mich Herr Dannemann, der permanent schlecht gelaunte Lagerleiter in seiner gewohnt unfreundlichen Art und schlenderte gemütlich in Richtung IT-Lager. Meine Blicke verfolgten Dannemanns schneckenartige Bewegungen, bis ihn schließlich der dunkle Schlund des Lagers komplett zu verschlucken schien. Hier wird Kundenorientierung immer noch groß geschrieben…
Drei gefühlte Ewigkeiten später war er dann auch schon wieder zurück. In seiner Hand trug er einen verstaubten Gegenstand mit sich, der mich von der Größe her an ein halbe Tafel Ritter Sport erinnerte. „’N älteres Modell. Was an’res ham wer nich’”, erzählte er der Wand neben mir und reichte mir währenddessen das besagte Etwas.
Wieder zurück an meinem Arbeitsplatz probierte ich meine neue Errungenschaft gleich aus. Der Stick, beziehungsweise die USB-Tafel, deren Oberseite ein schon leicht vergilbter Inventuraufkleber unserer Firma zierte, wurde zu meiner großen Überraschung sofort von meinem Rechner erkannt und schien startklar. Perfekt! Ich versuchte testweise, eine rund 10 kByte große Wortdatei darauf abzuspeichern und stieß auch schon auf die erste Fehlermeldung: “Datenträger voll”. Also löschte ich, was zu löschen war und versuchte es erneut. “Datenträger voll”.
„Geben Sie mir mal bitte die Inventarnummer”, bat mich der Kollege vom Service Desk (das ist neudeutsch für IT-Support), als ich ihm nach der obligatorischen fünfminütigen Dauerberieselung mit unserem Werbelied in der Warteschleife mein Problem geschildert hatte. Ich teilte ihm die gewünschte Nummer mit und wartete erneut. „Naja, das ist ein etwas älteres Modell”, erklärte er mir schließlich. Ich war schwer beeindruckt und versuchte, mich nicht versehentlich an seinem messerscharfen Sachverstand zu verletzen.
Das Problem sei, holte er aus, dass aus Gründen der nationalen Sicherheit mittlerweile nur noch USB-Sticks verwendet werden dürften, auf denen ein Verschlüsselungsprogramm installiert sei. Ansonsten könne nämlich jeder, der einen eventuell verlorenen gegangenen Stick unseres Unternehmens finden würde, problemlos unsere Daten lesen. „Und bei dem Stick, den Sie haben, belegt dieses Verschlüsselungsprogramm leider 99,9% des zur Verfügung stehenden Speicherplatzes.”
Schweigen.
„Und nun?”, hakte ich nach.
„Und nun was?”
„Kann ich das Ding dann jetzt wegwerfen?”
„Spinnen Sie?”, fuhr mich der Besserwisser gleichwohl plötzlich wie unpassend an, „das wäre mutwillige Zerstörung von Firmeneigentum. Schließlich ist ja noch ein Inventaraufkleber drauf!”
„Okay”, ich wollte das Gespräch mittlerweile einfach nur noch beenden, „dann rufe ich eben jetzt beim Einkauf an und lasse mir dort einen neuen USB-Stick bestellen”. Plötzlich lachte der Kollege vom Service Desk. Und lachte. Und lachte. Dann wünschte er mir viel Spaß, ehe er deutlich hörbar weiterlachte und schließlich auflegte.
Immer noch etwas irritiert wählte ich kurz darauf die Nummer von Herrn Lopez aus dem Einkauf. „Ich schicke Ihnen gleich ein Formular zu, das Sie dann bitte ausgefüllt zurücksenden”, erklärte er mir das weitere Prozedere und verabschiedete sich freundlich.
Kurz darauf hatte ich auch schon seine E-Mail und druckte mir das besagte Formular aus. „Wo ist das Problem? Läuft doch alles super!”, dachte ich zufrieden und machte mich auf dem Weg zum Drucker. Und dort lag es dann auch schon, …das Problem!
Ich nahm das „Buch” (der Begriff „Formular” reichte aufgrund des enormen Umfangs des Dokuments leider nicht mehr aus) aus dem Schacht, legte - wie es das Display von mir verlangte - neues Papier ein und wartete, brav neben dem Drucker stehend, bis dieser die noch verbleibenden sieben Seiten ebenfalls abgearbeitet hatte.
Die ersten vier Seiten des Formulars beinhalteten ausschließlich Fragen zur Person: Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Mitarbeiternummer, Betriebszugehörigkeit, Vorherige Arbeitgeber und Abschlussnoten - um nur einige Beispiele zu nennen. Dann wurde es noch ein klein wenig persönlicher: Hobbies, sexuelle Orientierung, bekannte Erbkrankheiten in der Familie sowie bisherige Vorstrafen. Hier trug ich „Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung an einem Einkäufer” ein und blätterte weiter.
Ich hatte das System durchschaut. Der Einkauf versuchte offenbar, mit einem derart ausgeklügelten Fragenbuch die eigene Arbeitsbelastung zu minimieren. Schätzungsweise hatten sie bislang auch noch nie ein Formular zurückgeschickt bekommen. Entweder, weil sich die potenziellen „Kunden” vor Beendigung der Ausfüllaktivitäten in den Ruhestand verabschiedeten oder ihrem Leben schon zuvor auf tragische Art und Weise ein Ende setzen. Oder aber, die wahrscheinlichste aller Optionen, weil den Kollegen plötzlich einfiel, dass sie das, was sie ursprünglich auf Firmenkosten bestellen wollten eigentlich gar nicht so dringend brauchten.
Ich bin anders. Ich nenne eine besondere Art von Ehrgeiz mein Eigen, dieselbe, die auch Edmund Hillary im Jahre 1953 auf den Mount Everest trug oder Neil Armstrong sechzehn Jahre später auf den Mond. Ich hatte den Ehrgeiz, der erste zu sein, der eine vermeintlich unmögliche Aufgabe löst.
So kämpfte ich mich in den folgenden Tagen durch das Fragenmeer des Einkaufs. Ich schrieb eine zweiseitige Erörterung zum Thema „Warum ich den USB-Stick unbedingt brauche”, erläutere auf fünf Seiten, wieso das Unternehmen dem Tode geweiht wäre, wenn ich das kleine Wunderwerk der Technik nicht bekäme und lege nebenbei noch die Krankengeschichte meiner Urgroßeltern offen. Als ich das fertige Epos dann schließlich eine knappe Woche später auf zwei Umschläge verteilt in die Hauspost gab, hatte ich tatsächlich ein kleines Freudentränchen im Auge.
Am darauf folgenden Tag stand Lopez plötzlich in meinem Büro. „Sie meinen es ernst, wie?”, fragte er mich mit kalter Stimme und feurigem Blick. Ich erwiderte diesen und antwortete mit einer Entschlossenheit, die, wenn überhaupt, bestenfalls durch Arnold Schwarzeneggers legendäres „Hasta la vista, Baby” aus Terminator II übertroffen werden konnte, mit „Ja”.
Nun waren die Dinge nicht mehr aufzuhalten. Zunächst wartete man ein paar Monate ab, ob eventuell noch weitere Kollegen den Wunsch nach einem USB-Stick äußern würden. Das hätte die Position des Einkaufs bei den anstehenden Verhandlungen nämlich ernorm gestärkt.
Dann wurde der Auftrag („1 USB-Stick”) endlich weltweit in den entsprechenden On- und Offline-Medien ausgeschrieben. Es wurde verhandelt und nachverhandelt. Dann wurde das Nachverhandelte nochmals verhandelt, ehe man schließlich wieder von vorn zu verhandeln begann, da man sich zwischenzeitlich irgendwo ver-handelt hatte
Die Kollegen verschlug es hierbei in aller Herren Länder: China, Taiwan, die USA, Südafrika, Neuseeland und Tschechien, um nur einige zu nennen. Letztendlich entschied man sich für einen Anbieter aus Französisch-Polynesien, der jedoch zwei Wochen vor dem vereinbarten Liefertermin bedauerlicherweise Insolvenz anmelden musste. Und da der Zweitplatzierte des Ausschreibungsverfahrens auf unseren Auftrag mittlerweile keine Lust mehr hatte, beschloss der Einkauf kurzerhand, das Ganze nochmals auszuschreiben.
Wussten Sie eigentlich, dass das „e” in e Procurement für „endlos” (neudeutsch: „endless”) steht?
Irgendwann verlor ich schließlich das Interesse an der ganzen Sache. Ich hatte mich notgedrungen mit einem Leben ohne mobilen Datenträger abgefunden, auch wenn ich ganz genau wusste, dass allein er mir zum perfekten Glück noch fehlte. Bis eben völlig überraschend das Telefon klingelte…
Ich erlöse den sichtlich überforderten Schmoltke aus meiner Umarmung und ziehe weiter.
In den heiligen Hallen der IT angekommen, beschleicht mich jedoch sofort ein ungutes Gefühl. Das Wort „Problem” aus dem Munde eines ausgewiesenen Computerspezialisten macht mir jedes Mal aufs Neue Angst. „Funktioniert die Verschlüsselung etwa nicht”, frage ich besorgt. „Das ist nicht das Problem”, antwortet der wie immer kreidebleiche Bitner, „der Inventaraufkleber passt nicht drauf. Der Stick ist zu klein…”
Schweigen.
„Und nun?”, hake ich nach.
„Und nun was?”
„Kann ich das Ding jetzt endlich mitnehmen?”
„Spinnen Sie?”, fährt mich Bitner daraufhin an, „den muss ich wegwerfen!”
„Das”, insistiere ich, „wäre aber mutwillige Zerstörung von Firmeneigentum!”
„Firmeneigentum?”, lacht der Kollege hämisch, „Blödsinn! Es ist ja noch kein Inventaraufkleber drauf…”
Schmoltke steht noch immer noch verwirrt dort, wo ich ihn vorhin umarmt hatte. „We… wer ist da?”, stottert er vor sich hin und sieht mich fragend an.
„Mein kriminelles Ich!”, warne ich den Buchhalter. „Schmoltke, ich werde gleich etwas tun, das gegen das Gesetz und jede Betriebsvereinbarung verstößt”, füge ich erklärend hinzu und ziehe entschlossen weiter. „Und falls mich jemand sucht - ich bin im Media Markt!”
Die haben USB-Sticks.
Das Stück vier Euro neunundneunzig…
(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: Thommy Weiss/pixelio









LOL.