OdFadGugV
Von Raymund Krauleidis | 13. Juni 2008 | Kategorie: Business as usual»Sehr geehrte Belegschaft«, lese ich in der Mail vom Vorstandsvorsitzenden, »besten Dank für Ihre Teilnahme an der anonymen Mitarbeiterbefragung! Wir haben diese nun ausgewertet und bereits erste Konsequenzen in die Wege geleitet.«
Plötzlich bin ich wach.
» Als Kritikpunkt war des Öfteren zu vernehmen, dass sich diverse Mitarbeiter vom Vorstand nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Deshalb habe ich heute höchstpersönlich erfahrene IT-Experten damit beauftragt, Ihnen jeden Freitagnachmittag eine automatisierte Wertschätzungs-E-Mail zukommen zu lassen, in der ich mich für Ihren Einsatz im Laufe der vergangenen Woche bedanke. Aus Kostengründen kann diese E-Mail jedoch leider nicht personalisiert versendet werden. «
Ich jauchze vergnügt über soviel Wertschätzung und lese weiter.
» Allerdings schockierte mich der Vorwurf, ich würde das Unternehmen zu autoritär leiten und meinen Mitarbeitern zu wenig Vertrauen entgegenbringen, zutiefst. Dank aufwändiger forensischer Untersuchungen der Fragebögen konnten die Mitarbeiter, die diese haltlose Behauptung in den Raum gestellt haben, nun ausfindig gemacht werden. Ich bitte die betreffenden ›Kollegen‹ (sie wissen genau, wer gemeint ist), sich zeitnah um einen Termin für ein persönliches Gespräch mit mir zu bemühen. Ihre Papiere werden derzeit vorbereitet.
Weitaus erfreulicher waren hingegen die Ergebnisse hinsichtlich des Betriebsklimas: 98% empfinden es sogar als ›Sehr, sehr angenehm‹. Die Frage war zudem mit einem Gewinnspiel versehen. Unter allen Mitarbeitern, die bei dieser Frage ›Sehr, sehr angenehm‹ ankreuzt hatten, wurde deshalb - wie vorab angekündigt - ein Überraschungspreis ausgelost.
Dieser Überraschungspreis ist die Leitung des Projekts ›Organisation der Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstages unseres geschätzten Vorstandsvorsitzenden‹ (kurz: OdFadGugV). Der Gewinner ist Herr Schmoltke aus der Buchhaltung. Herzlichen Glückwunsch!
Ich und der Rest des Vorstands bitten Sie darum, Herrn Schmoltke bei seiner Arbeit tatkräftig zu unterstützen!
Aufgrund der hervorragenden Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung dürfen Sie nun alle ihre Kaffeetassen erheben und auf den Erfolg anstoßen!
Mit besten Grüßen,
Ihr Vorstandsvorsitzender «
Ich lese die Mail ein weiteres Mal durch und verschiebe sie schließlich kopfschüttelnd in den Ordner »Surreale Mails«. Leicht gestresst von dieser Aktion lehne ich mich zurück, als plötzlich ein fieses Geräusch meine wohlverdiente Entspannungspause stört: Das Klingeln des Telefons.
»Haben Sie’s schon gelesen? Ich hab gewonnen!«, schallt es mir entgegen. Der Buchhalter ist dran.
»Na Glückwunsch! Haben Sie’s schon Ihrer Mami erzählt?«, erwidere ich schnippisch.
»Nein«, antwortet ein sich scheinbar immer noch in ekstatischem Zustand befindlicher Schmoltke, »ich wollte zuerst meine Projektgruppe zusammenstellen. Willkommen an Bord!«
»Was soll ich denn da?«, insistiere ich gleichwohl energisch wie erfolglos.
»Wenn Sie sich querstellen, sag ich’s dem Oberchef!«
Alte Petze …
So finde ich mich nur wenige Stunden später im Kick-Off-Meeting des Projekts »Organisation der Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstages unseres geschätzten Vorstandsvorsitzenden« wieder. »Wie Sie alle wissen«, klärt der Herr Projektleiter - zur Feier des Tages mit einer pinkfarbenen Krawatte behangen - die unwissenden Teilnehmer auf, »hat unser geschätzter Vorstandsvorsitzender kommenden Freitag Geburtstag. Als Projektleiter des Projektes ›OdFadGugV‹ stehe ich deshalb zeitlich etwas unter Druck, weshalb ich Sie inständig darum bitte, ihre Arbeitspakete so rasch wie möglich abzuarbeiten.«
Dann werden noch eben die To-dos verteilt: Frau Hoffmann, die Assistentin des Obergurus, soll sich um das Rahmenprogramm kümmern, Herr Dworschak ist für das Catering zuständig, während sich Schmoltke selbst des Teilprojekts »Texten und Gestalten einer originellen Geburtstagskarte« (kurz: TuGeoGk) anzunehmen gedenkt. Mir hingegen wird die ehrenvolle Aufgabe »Einsammeln von Spenden sowie Organisation und Einkauf eines dem hieraus resultierenden Budget entsprechenden Geschenkes« (EvSsOuEedhrBeG) zuteil. Wenn’s weiter nichts ist …
Zurück am Arbeitsplatz suche ich nach einem Bild vom Vorstandsvorsitzenden und finde im Intranet recht bald eine hübsche Aufnahme von der letzten Weihnachtsfeier. Sie muss irgendwann zwischen seinem siebten Caipirinha und dem Moment, als er mit Frau Hoffmann in den Nebenraum entschwand, um dort »geschäftliche Dinge zu besprechen«, entstanden sein. Ich drucke das Bild aus, klebe es liebevoll auf einem Umschlag und schreibe »Was ist Ihnen dieser Mann wert?« darunter. Dann klemme ich mein Kunstwerk in eine Umlaufmappe und adressiere diese an »aaV« (das ist der »alle außer Vorstand«-Verteiler).
Zwei ereignisarme Arbeitstage später ist auch schon die nächste OdFadGugV-Zusammenkunft. Stolz berichtet Frau Hoffmann, dass sie einen Zauberer engagieren konnte. Herr Dworschak hat unterdessen eine leckere Kanapee-Auswahl zusammengestellt und einen lokalen Getränkehändler mit Durstlöschungsaufgaben betraut. Gesamtprojektleiter Schmoltke präsentiert mit leuchtenden Augen das Ergebnis seines Teilprojekts TuGeoGk: Eine liebevoll gebastelte Geburtstagskarte, die von der Aufmachung her einem Buchungsbeleg ähnelt und den originellen Text: »Heute SOLL unser Vorstandsvorsitzender einen schönen Geburtstag HABEN!« trägt. Buchhalterhumor eben …
Der letzte Punkt auf der Agenda ist EvSsOuEedhrBeG, mein Teilprojekt. Ich berichte, dass die Sammelaktion abgeschlossen sei und nach ersten Hochrechnungen 3,68 Euro (vorwiegend in Ein- bis Fünf-Cent-Münzen) sowie ein Neuer Türkischer Lira für das Geschenk zur Verfügung stünden und ich bereits eine Geschenkidee hätte, die ich an dieser Stelle jedoch noch nicht verraten möchte. Den Vorschlag von Frau Hoffmann, den peinlich geringen Betrag mit Mitteln des Projektbudgets aufzustocken, lehne ich als verantwortlicher Teilprojektverantwortlicher des Teilprojekts EvSsOuEedhrBeG mit dem Hinweis auf das im Rahmen der letzten Sitzung Beschlossene ab. Schmoltke ist indes so beschäftigt mit seinem »Kunstwerk«, dass er von der laufenden Diskussion nichts mitbekommt und nur glücklich nickt.
Freitagmittag. Endlich! Schmoltke hüpft vor Aufregung wie ein Gummiball im eigens für die Feierlichkeiten angemieteten Speisesaal der Kantine hin und her. Sein Gesicht ist immer noch knallrot - kein Wunder: wer über 50 Luftballons alleine aufbläst, darf zur Abwechslung auch mal eine gesunde Gesichtsfarbe haben. Ich übergebe Schmoltke das liebevoll in Zeitungspapier verpackte Geschenk, damit er es im Rahmen seiner Dankesrede an den Vorstandsvorsitzenden übergeben kann und teste im Vorbeigehen die Qualität der gelieferten Kanapees.
Kurz bevor die Zeremonie beginnt, fällt mir jedoch plötzlich ein, dass ich ja noch einen wahnsinnig wichtigen Termin privater Nuancierung habe. Möglichst unauffällig schleiche ich zum Ausgang des Saals, der mittlerweile übrigens sehr gut gefüllt ist - immerhin gibt es Essen und Trinken umsonst. Ich mache noch einen kurzen Abstecher in mein Büro und bin gerade im Begriff, den Rechner herunterfahren, als mir eine neue E-Mail vom Oberchef ins Auge sticht:
» Wertgeschätzte Kollegen,
ich möchte mich an dieser Stelle für die im Laufe der Woche erledigten Aufgaben bedanken und versichere hiermit, dass ihnen meine persönliche Anerkennung hierfür sicher ist!
Um ihnen allen eine große Peinlichkeit zu ersparen, möchte ich übrigens noch kurz anmerken, dass ich heute Geburtstag habe …
Mit besten Grüßen,
Ihr Vorstandsvorsitzender «
Die Geburtstagsfeier, so wird mir am darauf folgenden Montag berichtet, sei ein voller Erfolg gewesen. Schmoltke hätte eine zu Herzen gehende Laudatio gehalten und sei dem Vorstandsvorsitzenden so ungelenk um den Hals gefallen, dass beide Herren gleichzeitig zu Boden gingen. Danach überreichte ihm der Buchhalter das Geschenk der Belegschaft. Angeblich hätte es dem Oberchef vor Rührung über das Geschenk, das sehr, sehr gute Betriebsklima sowie die ihm entgegengebrachte Wertschätzung dann glatt die Sprache verschlagen.
Der während der letzten Weihnachtsfeier heimlich entstandene Schnappschuss von ihm und Frau Hoffmann bei ihrer „geschäftlichen Unterredung” im Nebenzimmer kam vergrößert - trotz Handycam - auch wirklich gut raus. Und dafür, dass der Bilderrahmen lediglich drei Euro kostete, wirkte er äußerst edel! Die restlichen 68 Cent hatte ich übrigens als Briefmarken beigelegt, den Türkischen Lira ebenso - nur eben als Münze.
Komisch - schon zehn Uhr und Schmoltke ist immer noch nicht da.
Sollte ich mir langsam Sorgen machen?
(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: pgm / pixelio








Die bringen mich jedes Mal aufs Neue zum lachen! Dnake dafür und ein schönes Wochenende.