Das Pareto-Prinzip

Von Raymund Krauleidis | 16. Mai 2008 | Kategorie: Business as usual

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»Nein«, antwortet Chef, nachdem er sich von seinem Lachkrampf erholt hat, auf meine eben geäußerte Frage. »Eine Gehaltserhöhung wäre so ziemlich das Letzte, an das ich im Zusammenhang mit Ihnen gedacht hätte!« Irgendwie hatte ich ja damit gerechnet - ich leiste einfach zu viel …

Kennen Sie die Pareto-Verteilung? Ganz grob besagt die vom italienischen Ökonomen und Soziologen Vilfredo Pareto aufgestellte Regel, dass eine kleine Anzahl von hohen Werten mehr zum Gesamtwert beiträgt, als eine hohe Anzahl von kleinen Werten. So erledigen beispielsweise 20 Prozent der Mitarbeiter 80 Prozent aller Aufgaben im Unternehmen. Im Gegenzug verteilen sich 80 Prozent aller Löhne und Gehälter auf gerade mal 20 Prozent der Belegschaft. Die Schnittmenge der Prozente beträgt im Normalfall übrigens Null.

Ergo steigt - rein statistisch gesehen - die Wahrscheinlichkeit einer Gehaltserhöhung, je mehr man die eigene Produktivität im Unternehmen reduziert. Ich wusste somit genau, was zu tun war …

office_kl.jpgKeine Minute an meinem Schreibtisch zurück, klingelt auch schon das Telefon. »Zentrale«, melde ich mich. »Ich hätte gerne den Herrn … ähm …«, stottert eine verwirrte, männliche Stimme am anderen Ende der Leitung und nennt meinen Namen. »Einen kleinen Moment, ich verbinde«, säusele ich in den Hörer und wähle rasch die Nummer der Zentrale. »Für Sie!«, teile ich der Empfangsdame mit, übergebe das Gespräch und lege rasch wieder auf. Wenige Minuten später klingelt es erneut. Irgendjemand aus der Zentrale möchte scheinbar etwas von mir. Ich ignoriere das Telefon, beiße genüsslich in einen Schokoriegel und informiere mich nebenher auf der Internetseite der Bildzeitung über die relevanten Neuigkeiten dieser Welt.

Pareto-Regel Nummer eins: Mache dich rar - das erzeugt einen Eindruck von immenser Wichtigkeit!

Kurz darauf bekomme ich eine E-Mail von Schmoltke. Mein Lieblingsbuchhalter verlangt nach irgendwelchen Zahlen, die er angeblich dringend für den Monatsabschluss benötigen würde. Ich klicke in meinem Mailprogramm auf »Weiterleiten«, schließe die Augen und tippe wahllos auf meiner Tastatur herum. Dann akzeptiere ich den Ergänzungsvorschlag aus unserem internen Mailverzeichnis und leite die Mail Schmoltkes mit Bitte um sofortige Bearbeitung an eine gewisse Frau Sperrmüller weiter, von der ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Pareto-Regel Nummer zwei: Delegiere, was Arbeit nach sich ziehen könnte.

Ich bin etwas entsetzt über die Tatsache, dass es geschlagene drei Stunden dauert, bis die Mail - zwölf Zwischenstationen später - mit der schüchternen Nachfrage, ob das nicht rein zufällig in mein Aufgabengebiet fallen würde, erneut in meinem Postfach landet. Es ist ein Armutszeugnis, dass in unserer Firma niemand wirklich weiß, wer eigentlich wofür genau zuständig ist! Es bedarf hier bei Gelegenheit einer gezielten Aufklärungskampagne … Schlussendlich rufe ich Schmoltke an und lasse ihn wissen, dass ich die Zahlen zwar sehr wohl kennen würde, sie aber aus Gründen der nationalen Sicherheit derzeit nicht preisgeben dürfe.

Pareto-Regel Nummer drei: Halte Informationen gezielt zurück - auch (und vor allem gerade dann, wenn) sie deinen Kollegen enorm weiterhelfen könnten …

»Was soll ich nur mit Ihnen machen?«, seufzt Chef, als er mich wenig später in sein Büro zitiert. »Dieser Schmoltke hat soeben bei mir angerufen und sich darüber beschwert, dass Sie sich hinsichtlich des Monatabschlusses extrem unkooperativ zeigen würden!« »Schmoltke … Schmoltke?«, ich mache ein fragendes Gesicht, »Ach, der Buchhalter!«, entgegne ich souverän. »Der hat sich bei mir schon seit Wochen nicht mehr gemeldet …«

Pareto-Regel Nummer vier: Mime in Krisensituationen stets den Unwissenden; Schuld sind immer die anderen!

Drei Tage später beginne ich so langsam, an meiner scheinbar todsicheren Strategie zu zweifeln. Ich verleugnete mich, wo es nur ging, delegierte sinnlos, gab nichts preis und wies gekonnt jegliche Schuld von mir. Ich erntete zwar wüste Beschimpfungen aus dem Kollegenkreis sowie mehrere Drohungen diverser Führungskräfte - die erhoffte Gehaltserhöhung verweigerte bislang allerdings vehement ihr Erscheinen. Plötzlich, ich ziehe mir in Ermangelung sinnvoller Arbeit gerade einen Schokoriegel aus dem Automaten, fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Wie konnte ich diesen wichtigen Faktor bislang nur übersehen? Ich renne zurück an meinen Schreibtisch, greife zum Telefonhörer und lasse mir unter einem abstrusen Vorwand einen Termin bei unserem Vorstandsvorsitzenden geben.

Pareto-Regel Nummer fünf: Alle bisher genannten Regeln setzen Führungsbefugnis voraus.

»Nein«, antwortet der Vorstandsvorsitzende, nachdem er sich von seinem Lachkrampf erholt hat, auf meine eben geäußerte Frage, »eine Beförderung ins Management wäre so ziemlich das Letzte, an das ich im Zusammenhang mit Ihnen gedacht hätte! Und jetzt raus hier - ich habe zu tun!« Beim Verlassen des Büros blicke ich noch kurz zurück - der Oberguru ist aber bereits mit weitaus Wichtigerem beschäftigt. Auf seinem Monitor meine ich die mir wohl bekannte Internetseite der Bildzeitung zu erkennen …

Im Treppenhaus begegne ich zu allem Überfluss Schmoltke. »Was grinsen Sie so blöd?«, frage ich ihn entnervt. »Ich habe soeben eine Gehaltserhöhung bekommen«, teilt er mir in völlig deplatziertem, überschwänglichem Tonfall mit und grinst dabei wie ein schwangeres Honigkuchenpferd kurz vor der Entbindung. »Wenn alles glatt läuft, werde ich ab Juli sogar Teamleiter …« In diesem Unternehmen läuft anscheinend etwas extrem schief …

Pareto-Regel Nummer sechs: Herr Pareto kann mich mal - und zwar zu mehr als nur 20 Prozent!



(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: Matthias Balzer / pixelio

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