Mit Sören am Buffet
Von Raymund Krauleidis | 30. April 2008 | Kategorie: Alltäglicher WahnsinnEs gibt süße, nette, putzige Kinder und es gibt Sören. Bei vielen Kindern hätte man lächelnd darüber hinweggesehen, wenn sie wild vor einem herum zappeln und hampeln. Nicht jedoch bei Sören. Sören ist ungefähr sechs Jahre, ein Meter fünfundzwanzig groß und schätzungsweise ebenso breit. Die wulstigen Lippen in seinem von der Sonne verbrannten und mit Sommersprossen durchfluteten Mondgesicht formen sich zu einem fratzenhaften Lachen, während er grobmotorisch wild hin und her hüpft und dabei in regelmäßigen Abständen mit voller Wucht auf meinen Füßen landet.
Sören macht Urlaub. Das an sich ist ja nicht schlimm und ihm sowie seiner Umwelt zu Hause auch irgendwie zu gönnen. Das Fatale daran ist jedoch, dass er diesen - zusammen mit Sören-Mama und Sören-Papa - im selben Hotel wie ich verbringt und momentan direkt vor mir in der Schlange des Buffets läuft, oder besser gesagt: rollt. Nicht nur, dass mir sein Rumgezappel mittlerweile mächtig auf den Geist geht und meine Zehen zu schmerzen beginnen, es beschleicht mich zudem der böse Verdacht, das Buffet mit leerem Teller verlassen zu müssen.
Generell bin ich Buffets gegenüber eher skeptisch eingestellt. Ich mag es nicht, mein Essen mit Hunderten fremder Leute zu teilen, die Bakterien, die sie entlang den Essenstheken wild um sich schleudern, zu mir nehmen zu müssen und von allen Seiten mit oberflächlichem Smalltalk über das Wetter, das Essen und den dadurch hervorgerufenen Durchfall belästigt zu werden. Man mag mir ruhig eine gewisse Gleichgültigkeit meiner Umwelt gegenüber vorwerfen, aber ich bin grundsätzlich nicht an Vorgängen in Magen-Darm-Trakten anderer Lebewesen interessiert.
“Und wie toll Du geschwommen bist! Wer so gut schwimmen kann, hat sich sein Abendessen redlich verdient!” Ich überlege ernsthaft, ob ich einschreiten und Sören-Papa energisch widersprechen soll. Bis heute Nachmittag, als Familie Sören neben mir am Pool weilte, hatte ich noch nie ein Kind erlebt, welches sogar mit Schwimmflügeln untergeht. Statt der Flügel würde ich es in diesem buchstäblich schweren Fall lieber mit zwei an die Arme geschnallten Drei-Mann-Schlauchbooten versuchen.
Während sich mein geistiges Auge gerade ausmalt, wie dieser Fleischklops mit den besagten Schlauchbooten an seinen Armen wohl aussehen würde, ertönt vom anderen Ende des Speisesaals plötzlich ein ohrenbetäubendes Kreischen: “Sööööööööööööööööööööööören!”
Sören-Mama hat es sich bereits an einem Tisch gemütlich gemacht und bevorzugt - anstatt aufzustehen und Sören direkt und leise anzusprechen - den umständlichen, lauten Weg der Kommunikation. Und zwar quer durch den Saal: “Iss nicht so viele Pommes, davon bekommst Du nur wieder Blähungen!” ertönt es für alle gut hörbar. Danke auch…
Endlich bei den Pommes angekommen, beginnt Sören auch schon munter aufzuladen. Er nimmt sich eine Zange voll, eine Zweite, eine Dritte, eine Vierte. Nach der Siebten meldet sich meine Ungeduld und ich wage es, Sören direkt anzusprechen und ihn auf die vorhin geäußerte Bitte seine Mutter hinzuweisen. Nicht, dass mir das persönliche Wohlergehen dieses Moppels auch nur annährend am Herzen liegen würde - ich will lediglich auch noch ein paar Pommes abhaben.
Dann geht alles sehr schnell: Sören schaut mich an, wird knallrot und beginnt heftig zu weinen. Sören-Mama kommt auf mich zugestürmt, bläht sich wie eine Kampfhenne vor mir auf und kreischt etwas von “Unverschämtheit” und “Einmischen in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen” oder so ähnlich.
Sören-Papa steht gleichwohl rat- wie beteiligungslos daneben und beschäftigt sich in seiner Verlegenheit mit dem Aufladen von Nudeln.
Noch ehe ich auch nur “Äh” sagen kann, schnappt sie sich Sörens Teller und befüllt diesen mit weiteren Pommes-Ladungen. “So, Sören. Schön essen - damit Du auch groß und stark wirst! Und was der böse Mann da sagt, kann Dir egal sein!” Die Blicke des Publikums sind mittlerweile nahezu komplett auf mich gerichtet. Eltern ziehen ihre Kinder dicht an sich heran und allenthalben schüttelt man fassungslos den Kopf,
Mit den verbrannten Überresten aus der Pommes-Schüssel auf dem Teller ziehe ich somit möglichst unauffällig in Richtung Salatbar weiter. Ein Glück, dass der Moppel scheinbar nichts mag, was auch nur annährend gesund sein könnte.
Dafür treffe ich dort seinen Papa wieder. “Armer Kerl”, bekunde ich mein Mitleid und klopfe ihm kumpelhaft zwischen seine schmalen Schultern. Er schaut zunächst ängstlich in Richtung Sören-Mama, die jedoch gerade damit beschäftigt ist, verspritztes Ketchup von der Stirn seines übergewichtigen Filius zu wischen. Dann blickt er mich mit traurigen Augen an und erwidert - die Gunst der Stunde nutzend - leise “Danke!”
Im Urlaub wird einem doch immer wieder bewusst, wie schön man es eigentlich hat…
(c) Raymund Krauleidis 2008







