Von der hohen Kunst des rechtzeitigen Erscheinens

Von Raymund Krauleidis | 24. April 2008 | Kategorie: Alltäglicher Wahnsinn

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Mit der Pünktlichkeit ist es so eine Sache… Meine bisherige Erfahrung lehrte mich, dass es den perfekten Augenblick eigentlich überhaupt nicht gibt.

pol2_kl.jpgKennen Sie das auch: Sie sind zu einer bestimmten Uhrzeit verabredet und möchten nicht schon am Anfang einen schlechten Eindruck hinterlassen? Dafür ist der Abend schließlich noch lange genug…

Bevor es eigentlich losgeht, stellt sich somit schon die alles entscheidende Frage nach dem idealen Zeitpunkt, die betreffende Person mit dem eigenen Erscheinen zu beglücken. Ein äußerst schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen.

So war ich es beispielsweise früher - in alten Studententagen - gewohnt, stets die berühmte akademische Viertelstunde zu spät zu Verabredungen jeglicher Art zu kommen. Zumindest so lange, bis ich Carmelita kennen lernte. Carmelita war Frisörin, stets auf die äußerst pünktliche Einhaltung von Terminen bedacht und fragte mich nur wenige Wochen nach unserem Kennenlernen, was eigentlich “Akademiker” für ein unehrenhafter Beruf sei, wenn man dabei stets eine Viertelstunde zu spät käme.

Kurz darauf gingen wir wieder getrennte Wege.

Bei meiner ersten Verabredung mit meiner Kommilitonin Susanne hatte ich aus dieser Erfahrung gelernt und stand Punkt acht Uhr, wie abgemacht, an ihrer Haustüre. Susanne stand ebenfalls - aber leider noch unter der Dusche.

Nach knapp zwanzigminütiger Wartezeit in der Kälte wurde mir schließlich nicht nur Einlass gewährt, auch lernte ich sogleich dazu, dass es unhöflich sei, die anvisierte Zeit nicht um mindestens zehn Minuten nach hinten zu verfehlen. Mein Einwand, wieso sie mich dann nicht gleich um 20:10 Uhr zu sich zitiert hätte verpuffte jedoch wirkungslos und auch der Rest des Dates verlief relativ unentspannt. In der durch meine Pünktlichkeit verursachten Hektik hatte Susanne nämlich vergessen, den Kajal auch unter ihrem linken Auge aufzutragen…

So tappte ich im weiteren Verlauf meines Lebens regelmäßig in immer wieder neue Varianten der Zeitfalle: mal kam ich zu früh und doch zu spät, mal erschien ich später als angekündigt und war dennoch zu früh und manchmal kam ich auch gar nicht, weil ich die Verabredung versehentlich verschwitzt hatte. War ich gar aufgrund fehlenden Feingefühls in Sachen Termineinhaltung so lange Single?

Immerhin konnte ich im Laufe meiner langjährigen Untersuchungen zu diesem Thema eine gewisse Grundtendenz feststellen: die Anzahl der Minuten, die man der ursprünglich anberaumten Uhrzeit hinzurechnen muss, verhält sich proportional zum ansteigenden Alter einer Frau. Dass dieser Effekt auf zunehmende Restaurationsaufwendungen im Badezimmer zurückzuführen sein könnte, ist lediglich eine gewagte These meinerseits.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass es gemäß dieser Faustregel ab einem bestimmten Alter wieder erwünscht sein dürfte, einigermaßen pünktlich zu erscheinen - nur eben einen oder zwei Tage später. Im Moment arbeite ich noch mit Hochdruck an einer mathematischen Formel dafür…

Vielleicht kann mir bis dahin aber auch ein Medikament weiterhelfen. Heute hatte ich jedenfalls eine äußerst viel versprechende E-Mail in meinem Posteingang. Betreff: “Nie mehr zu früh kommen“…



(c) Raymund Krauleidis 2008
Bild: Hyperfinch / Pixelio

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