Achtung, Kamera!
Von Raymund Krauleidis | 18. April 2008 | Kategorie: Business as usual»Hallo, Schmoltke! Hier sind die Buchungsbelege für die Rückst…« - »Pssst!«, fällt mir der Buchhalter gleichwohl abrupt wie unverschämt ins Wort und macht dabei eine geheimnisvolle Geste. Er kritzelt etwas auf ein Post-It, blickt sich erschrocken um und schiebt mir den gelben Block entgegen: »Wir werden überwacht!«, so seine knappe Botschaft.
»Was für ein ausgemachter Blödsinn«, erwidere ich, als er unmittelbar darauf betont unauffällig in Richtung der Decke seines Büros zeigt. »Das sind doch keine Kameras, sondern nur harmlose Feuermelder!« - »So? Und wie erklären Sie sich das hier?«, findet er plötzlich seine Stimme wieder, ehe er ungelenk von seinem Schreibtischstuhl aufspringt und mit einem Feuerzeug (Gott weiß, wo er das auf einmal her hat) direkt unter dem Feuermelder wild hin- und herzufuchteln beginnt.
Keine fünf Minuten später ist auch schon die Feuerwehr da. Die meisten Mitarbeiter hatten unmittelbar nach dem Ertönen des hässlichen Feueralarms ihre Büros verlassen und tummelten sich gerade - schätzungsweise freudig erregt über die Tatsache, dass sie heute Abend endlich einmal etwas zu erzählen hatten - an den Sammelplätzen vor dem Gebäude, als unser Brandschutzbeauftragter in Begleitung von fünf Feuerwehrleuten die Räumlichkeiten des vermeintlichen Brandherds betritt. Ein Glück, dass der irritierte Buchhalter das Feuerzeug immer noch in seiner Hand hält und somit für alle Beteiligten offensichtlich ist, wer den zwischenzeitlich entstandenen Erklärungsbedarf im Folgenden zu decken hatte …
»Jetzt machen Sie sich nichts draus«, versuche ich Schmoltke wenig später aufzurichten, als er mir wie ein kleines Häufchen Elend in der Kaffeeküche gegenübersteht. »Von einer Abmahnung geht die Welt doch nicht gleich unter! Wenn man von Abmahnungen sterben würde«, erkläre ich ihm, »wäre ich selbst als Katze zwischenzeitlich in den tiefsten Abgründen der Hölle zugegen. Und was ist? Ich lebe immer noch …«
»Aber«, winselt er, »wenn Mutti davon erfährt?«
»Ich glaube nicht, dass hier blaue Briefe verschickt werden!«, antworte ich grinsend und tätschle tröstend seinen rechten Oberarm. Ich muss unbedingt daran denken, mir gleich noch die Hände zu waschen …
»Wissen Sie, ich habe eindeutige Indizien dafür, dass es hier ein ausgeklügeltes Mitarbeiterüberwachungssystem gibt«, flüstert er mir zu. »Ich wurde heute Morgen nämlich von meinem Vorgesetzten hinsichtlich eines sehr intimen Details angesprochen, welches eindeutig auf derlei Machenschaften schließen lässt!«, fährt er mit tränenunterdrückter Stimme fort. »Haben Sie die aktuelle Diskussion in den Medien bezüglich der dreisten Bespitzelungsapparate deutscher Unternehmen etwa nicht mitbekommen?« Er schaut mich fragend an.
Plötzlich wird mir alles klar … »Wird schon!«, hauche ich ihm mitfühlend entgegen und renne in mein Büro zurück. Dort angekommen klicke ich mich rasch auf das firmeninterne Schwarze Brett, öffne meinen - zugegebenermaßen frei erfundenen - Beitrag vom Vorabend (»Schmoltke wäscht sich auf dem Klo die Hände nicht!«) und bewege den Cursor zielstrebig in Richtung des »Löschen«-Buttons. Mein schlechtes Gewissen dem Buchhalter gegenüber ist allerdings nur von kurzer Dauer. Schließlich hatte er mich soeben auf eine geniale Idee gebracht. Mal sehen, was in den Vorstandsbüros so alles vor sich geht. Morgen installiere ich die Kameras …
Der Innenminister wäre bestimmt wahnsinnig stolz auf mich!
(c) Raymund Krauleidis 2008
Foto: Stephan Poost / Pixelio







