Das Protokoll

Von Raymund Krauleidis | 30. März 2008 | Kategorie: Business as usual

Creative Commons License photo credit: argaldo

Sätze, die mit “Können Sie mal eben…” beginnen, bedeuten in der Regel schweißtreibende Arbeit. So auch heute: “Können Sie mal eben ein Protokoll von unserem Projekt-Meeting heute morgen verfassen?”, befiehlt mir Kleinmann. Na prima! Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch bei der Sache gewesen.

Ich nicke dennoch brav, setze mich an meinen Rechner und versuche, die Ereignisse des Vormittags so gut es geht aus meinem Gehirn abzurufen.

Protokoll Projektmeeting vom 18. März 2008 (8:30 Uhr - 11:30 Uhr)

Teilnehmer: Herr Kleinmann (Projektleitung)
Herr Petersen
Herr Dworschak
Herr Schmoltke
Frau Müller-Thurgau
Der Protokollführer

Verteiler: Teilnehmerkreis
Vorstand

Begrüßung:
Der Projektleiter begrüßt die anwesenden Teilnehmer mit einem anzüglichen Witz. Die Herren Kleinmann, Petersen und Dworschak sowie der Protokollführer beginnen lauthals zu lachen, während Kollege Schmoltke nochmals um eine kurze, verständliche Erklärung der Pointe bittet.

Das Lachen verstummt schlagartig, als Frau Müller-Thurgau einige Minuten verspätet den Raum betritt. Herr Schmoltke, der den Witz immer noch nicht verstanden zu haben scheint, schaut grimmig in die Runde. Frau Müller-Thurgau quittiert dies mit einem fragenden Blick.

Tagesordnungspunkt 1:
Nachdem zu vorangegangenen Meetings lediglich Kaffee angeboten wurde, erarbeitete die Projektgruppe im Rahmen der letzten Sitzung den Wunsch, künftig auch Tee serviert zu bekommen.

Die auf heute terminierte Diskussion über die gewünschte Teesorte endet ergebnislos. Während sich Petersen für Pfefferminz ausspricht, präferiert Frau Müller-Thurgau Roibos-Tee. Herr Schmoltke spricht sich indes mit dem Hinweis, dass diese Sorte am bekömmlichsten für den Verdauungstrakt sei, für Jasmin aus. Der Rest der Projektgruppe enthält sich der Stimme mangels Interesses am Thema.

Die Projektleitung bittet um Einigung auf eine Sorte. Das entsprechende Arbeitspaket nimmt Herr Dworschak mit, der hierfür ein eigenes Teilprojekt ankündigt.

Das Kick-Off-Meeting wird für den morgigen Vormittag angesetzt. Eine Entscheidung soll im Rahmen der nächsten Sitzung bekannt gegeben werden.

Tagesordnungspunkt 2:
Frau Müller-Thurgau bittet für die künftigen Termine um Verschiebung der Startzeit auf 8:45 Uhr, da sie ansonsten für die Sicherstellung ihres pünktlichen Erscheinens eine frühere Bahn zu nehmen gezwungen wäre. Dies würde jedoch ihrem Biorhythmus zuwider laufen.

Die Projektleitung gibt Frau Müller-Thurgau zu verstehen, dass ihr Biorhythmus getrost ihren Südpol in groben Zügen umschiffen könne und setzt die künftigen Termine deshalb für 7:30 Uhr an.

Tagesordnungspunkt 3:
Der Protokollführer verlässt für kurze Zeit den Raum mit dem erklärenden Hinweis, er müsse mal eben groß.

Tagesordnungspunkt 4:
Kollege Schmoltke merkt kritisch an, dass bislang noch keine Projektkostenstelle angelegt wurde. Die Projektleitung verspricht, dies nachzuholen, sobald die Projektassistenz eine entsprechende SAP-Schulung absolvieren konnte. Die nächste findet in etwa sechs Monaten statt.

Der Einwand Schmoltkes, dass ohne Kostenstelle keine korrekte Verbuchung der Projektausgaben möglich sei, löst bei den restlichen Projektmitgliedern lediglich überschaubare Betroffenheit aus.

Tagesordnungspunkt 5:
Die Projektleitung informiert die Mitglieder darüber, dass der Vorstand in Erwägung ziehe, das Budget für das Projekt komplett zu streichen. Die Frage des Protokollführers „In welcher Farbe?” bleibt indes unbeantwortet.

Zudem wenden einige Projektmitglieder ein, sie wären bereits zu 150% mit Linien- und sonstigen Projektaufgaben betraut und hätten eigentlich keinerlei Spielraum für weitere, aus diesem Projekt resultierenden To-Dos.

Die Projektleitung rechnet daraufhin vor, dass ein Tag aus 24 Stunden besteht, von denen bislang lediglich acht mit Arbeitszeit ausgefüllt wären. Unter der Prämisse, dass diese acht Stunden 100% der bisherigen Arbeitszeit ausmachten, blieben somit immer noch stattliche 200% für weitere Aufgaben.

Die Projektleitung will sich bis zur nächsten Sitzung davon überzeugen, dass es sich beim Begriff “Work-Life-Balance” nicht nur um eine Erfindung der vermeintlich arbeitsunwilligen Projektmitglieder handelt.

Tagesordnungspunkt 6:
Trotz fehlenden Budgets und nicht vorhandener Ressourcen sollen in der nächsten Vorstandsitzung die ersten Ergebnisse des Projekts präsentiert werden. Die Projektleitung lässt per “Schnick-Schnack-Schnuck” ermitteln, wer die Präsentation halten soll.

Hierbei unterliegt Herr Schmoltke, der jedoch unter Tränen beteuert, dass es bei “Schnick-Schnack-Schnuck” tatsächlich auch eine “Banane” geben würde.

Die Rechtsabteilung soll bis zur nächsten Sitzung mittels Überprüfung der international gültigen “Schnick-Schnack-Schnuck”-Regeln Klarheit schaffen.

Verabschiedung:
Die Projektleitung dankt den Mitgliedern für ihre Anwesenheit und stellt fest, dass man während des heutigen Termins doch ein gutes Stück weiter gekommen wäre.

Die Frage des Protokollführers: „Wobei?” kann aus Zeitgründen jedoch erst im Rahmen der nächsten Sitzung erörtert werden.

Kollege Schmoltke beginnt bei der Verabschiedung von Frau Müller-Thurgau plötzlich hysterisch loszulachen: ‘Ach so, jetzt hab ich den Witz auch kapiert…’ “

Implementing a protocolIch lese mir das Protokoll nochmals durch, klicke auf “Senden” und lehne mich zufrieden zurück.

Doch das Gefühl der Zufriedenheit ist mir nur einen kurzen Moment vergönnt. Denn keine zwei Minuten später steht auch schon ein sichtlich erregter Kleinmann in meinem Büro. “Sagen Sie mal, spinnen Sie?”, zischt er mich an. “Das können Sie doch so nicht rausschicken!”

“Ach. Und wieso nicht?”, erwidere ich mit unschuldiger Mine.

“Das weiß doch jedes Kind”, schnaubt er neunmalklug.
“Rooibos schreibt man mit zwei ‘o’!”

(c) Raymund Krauleidis 2008


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