Frühjahrsputz
Von Raymund Krauleidis | 11. März 2008 | Kategorie: Business as usual Artikel bewerten:
photo credit: Cane Rosso
»Übrigens«, sagt Chef, ehe er mein Büro verlässt, »Ihr Schreibtisch gleicht mittlerweile einer Mischung aus Altpapiersammelstelle, Getränkemarkt und Sondermülldeponie. Wenn Sie ihn nicht bald mal aufräumen, hol’ ich den Kampfmittelräumdienst.«
Zugegeben: Chef hat nur selten Recht. Aber wenn er einmal Recht hat, dann mit allen Konsequenzen. Mein Schreibtisch sieht wirklich marginal unstrukturiert aus – auch wenn ich nach stundenlanger Suche bislang immer noch das gefunden habe, was ich eigentlich zwei Tage zuvor gesucht hatte.
Es gibt jedoch Worte, die gehören verboten.
»Kampfmittelräumdienst« strahlt beispielsweise einen ähnlichen Charme aus wie der Begriff »Schleimlöser«. Apropos: ich habe die ganze Woche noch nichts von Schmoltke gehört und spiele tatsächlich kurz mit dem Gedanken, ihn unter irgendeinem Vorwand anzurufen – nur um zu hören, ob alles okay ist. Auch wenn ich niemals zugeben würde, dass mich das auch nur annähernd interessiert.
Vielleicht sollte ich mich derweil wirklich einer groß angelegten Säuberungsaktion meines Arbeitsplatzes widmen. Irgendwo unter den Stapeln aus Papier, Glas, Plastik und Materialien, deren Grundsubstanz sich mittlerweile nur noch vage erahnen lässt, wird sich sicherlich ein Grund finden, mal eben in der Buchhaltung durchzuklingeln.
Ich trete ein paar Schritte zur Seite, betrachte das Chaos aus sicherer Entfernung und frage mich, wo ich eigentlich anfangen soll. So oder so ähnlich muss sich also Reinhold Messner gefühlt haben, als er erstmals am Fuße des Himalaya stand. Doch im Gegensatz zu Herrn Messner beschließe ich, die Verletzungsgefahr zu minimieren und meine Berge von oben nach unten zu bearbeiten.
Es ist wirklich erstaunlich, welche unglaublichen Schätze sich im Laufe der Zeit auf einem einzigen Schreibtisch ansammeln können. Damit meine ich jetzt weniger die Kaffeetassen, deren Restinhalt mittlerweile derart verkrustet ist, dass ich die darin feststeckenden Löffel nicht mehr herauszuziehen im Stande bin. Bestimmt hat sich in den Tassen bereits eine ureigene Biosphäre entwickelt – ein wahres El Dorado für Urzeitforscher. Vielleicht sollte ich sie zum Dienste der Wissenschaft bei ebay versteigern?
Ich meinte mit »Schätzen« in diesem Zusammenhang eigentlich eher die unzähligen, liebevoll bemalten Ausdrucke uralter E-Mails. Kleinode und Zeitzeugen meiner jeweiligen Stimmungslage. Ich kann es mir einfach nicht abgewöhnen, neben dem Telefonieren zu malen. Habe ich beispielsweise Schmoltke am Apparat, so zeichne ich Galgen oder Messer, bei neutralen Personen werden es meist geometrische Figuren. Nur: woher kommen diese Herzchen hier? Wie hieß sie noch gleich?
Übrigens: falls Sie sich jetzt fragen sollten, weshalb ich meine E-Mails überhaupt ausdrucke. Nur so, zur Sicherheit. Man weiß ja nie, wann der nächste Server-Ausfall kommt. Zudem ist es mir immer zu umständlich, die jeweiligen Mails zwischen den ganzen Newslettern von Aldi, Lidl, Penny, Tchibo, Payback und dm ausfindig zu machen.
Die Stunden ziehen ins Land und die Stapel von meinem Schreibtisch verlagern sich sukzessive auf den Boden, wobei sich der Berg der Kategorie »Zum Wegwerfen eigentlich zu schade« mittlerweile als Mount Everest meines ureigenen Papier-Himalaya entpuppt. Gibt es eigentlich ein »Museum of Modern Office Art«? Falls nicht, weiß ich, was ich morgen zu tun hab … Ich glaube, ich habe meine persönliche Marktlücke nun endlich gefunden!
Während ich mich im Stillen noch über meine grandiose Idee freue, fällt mir auf einmal ein tief in den unendlichen Weiten vergrabenes, auf den ersten Blick harmlos-langweilig anmutendes Stück Papier in die Hände: der Buchungsbeleg meiner Rückstellungen für den Jahresabschluss 2003.
Ups – Schmoltke hatte doch Recht!
Dieses kleine Stück Papier war einst die Initialzündung unserer seither andauernden Fehde. Seinerzeit gab ich Schmoltke den Betrag vorab telefonisch durch und versprach ihm, den zugehörigen Beleg noch am selben Tag nachzureichen. Ich hätte schwören können, ihn damals noch in die Hauspost gegeben zu haben. Mir war es damals in der ganzen Hektik zu umständlich, zwei Bürotüren weiterzugehen und ihm den Beleg selbst zu geben. Die Hauspostsammelstelle befindet sich übrigens drei Türen weiter.
Unglücklicherweise wurde Schmoltke wenige Wochen später überraschend zu den Wirtschaftsprüfern zitiert, die die entsprechenden Unterlagen zu seinen Buchungen sehen wollten.
Da Schmoltke sie jedoch auf die Schnelle nicht vorweisen konnte, gab es für ihn nicht nur ordentlich Ärger, sondern gleich noch eine Abmahnung gratis dazu. Geschah ihm auch recht, dem alten Schlamper!
Trotzdem bekomme ich jetzt irgendwie ein schlechtes Gewissen. Schmoltke hat ebenfalls ein Recht auf die Wahrheit. Ich trinke mir also mit einem großen Schluck Kaffee – übrigens aus einer frischen Tasse – Mut an und schlendere mit dem Beleg in der Hand in Richtung Buchhaltung.
Durch die halb geöffnete Tür von Schmoltkes Büro linse ich in Richtung seines Schreibtisches und sehe … nichts. Vorsichtig schleiche ich mich hinein um zu sehen, ob sein Rechner läuft und er heute überhaupt da ist. Auf dem Weg dorthin stolpere ich jedoch unglücklich über eine Teppichfalte, komme ich ins Straucheln und versuche meinen Fall aufzuhalten, indem ich mich an den akkurat angeordneten und nur spärlich befüllten Ablagekörbchen auf Schmoltkes Schreibtisch festzuhalten versuche – wobei ich diese allerdings lediglich nur mit ins Verderben reiße.
So liege ich zwischen diversen, unterschiedlich kolorierten Ablagekörben und wild umherfliegenden Papieren zu Füßen von Schmoltkes Schreibtisch, als der Buchhalter höchstpersönlich die Szenerie betritt und ob des ihm gebotenen Bildes einen gewissen Gesichtsausdruck der Überraschung nicht verbergen kann.
»Was machen Sie denn hier und wie sieht’s hier überhaupt aus?«, blökt er mich an. »Ich wollte Ihnen eigentlich nur was auf den Schreibtisch legen«, versuche ich meine suboptimale Situation zu erklären. »Und was muss ich da in Ihrer Ablage finden?«, sage ich und greife nach dem neben mir liegenden Buchungsbeleg aus dem Jahr 2003.
Ich rapple mich auf, wedle triumphierend mit dem Blatt und blicke entschlossen in zwei weit geöffnete Buchhalteraugen. »Was halten Sie eigentlich davon, mal wieder Ihren Schreibtisch aufzuräumen, Schmoltke?!«
© Raymund Krauleidis 2008








