Milchcontrolling

Von Raymund Krauleidis | 7. Februar 2008 | Kategorie: Business as usual

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Erschienen bei kolumnen.de
photo credit: Kecko

»Wie viel Milch trinken Sie denn so am Tag?« gehört nicht unbedingt zu den Fragen, mit denen man rechnet, wenn plötzlich und unvermittelt der Leiter Controlling in fremde Büros – in diesem Falle in meines – platzt. »Tagsüber nur wenig. Aber meistens nehme ich noch ein paar Tüten von hier für den Abend mit nach Hause«, antworte ich.

PriscillaWieso vergesse ich eigentlich immer wieder, dass Controller – übrigens ebenso wie Buchhalter – vollkommen humorresistent sind? »Ha! Dann habe ich den Schuldigen ja auf Anhieb gefunden«, erwidert Herr Kleinmann, im Unternehmen auch als »Graf Zahl« bekannt, mit triumphierendem Tonfall.

»Hallo, das war doch nur ein …«, ich komme kurz ins Stocken und überlege, wie man das Wort Witz in Zahlen übersetzen könnte. Neurolinguistische Programmierung – stelle Rapport zu deinem Gegenüber her: »Dreiundneunzig«, versuche ich mein Glück und nutze den kurzen Moment seiner Irritation um nachzufragen, worum es denn eigentlich geht.

»Wir haben ein Problem«, erklärt er mir. »Wir hatten im letzten Monatsabschluss eine Überschreitung des Milchbudgets um exakt um 237,9 Prozent. Und die Lieferung von vorgestern ist auch schon fast wieder weg. Wenn das so weitergeht, müssen wir nicht nur Kaffee und Milch auf Firmenkosten ersatzlos streichen, sondern auch noch die komplette Budgetplanung anpassen. Eine Katastrophe!«

Sichtlich nervös schnappt er sich meinen blauen Kugelschreiber und kratzt sich damit hinter seinem rechten Ohr. »Ich habe mich des Themas deshalb höchstpersönlich angenommen und es zur Chefsache erklärt.«

Irgendwas beunruhigt mich an der Tatsache, dass sich ein Leiter Controlling in Zeiten einer drohenden Rezession um Dinge wie den aktuellen Milchverbrauch im Unternehmen kümmert und sich dabei noch mit meinem Kugelschreiber an diversen Körperstellen kratzt. »Ausnahmeweise bin ich mal unschuldig«, verteidige ich mich dennoch und halte Kleinmann meine halbvolle Tasse unter die Nase.

»Ich trinke meinen Kaffee nämlich schwarz! Apropos: eigentlich ist es überhaupt nicht meine Art, Kollegen anzuschwärzen – so gut sollten Sie mich mittlerweile kennen.« Plötzlich kommt mir nämlich ein Gedanke, welcher dann auch sogleich wie von Geisterhand an meine Lippen weitergeleitet wird: »Läuft nicht Herr Schmoltke aus der Buchhaltung jeden Morgen mit einer prall gefüllten XXL-Müslischüssel durch die Gänge?«

»Daran hatte ich auch schon gedacht«, flüstert mir Kleinmann zu. »Aber er hat eine Milchallergie und bringt sich seine laktosefreie Milch selbst von zuhause mit. Sehr vorbildlich, wie ich finde. Deswegen habe ich ihn auch mit in die Projektgruppe aufgenommen.«

»Es gibt eine Projektgruppe? Dafür?«
Vielleicht hatte ich ja gerade nur etwas falsch verstanden.
»Es gibt eine Projektgruppe! Dafür!«
Nein, hatte ich nicht.

»Finden Sie eigentlich nicht, dass wir weitaus größere Sorgen haben als einen gestiegenen Milchkonsum? Und außerdem: wenn das Budget für Milch eh schon über Plan liegt, wieso belasten Sie es dann noch mit zusätzlichen Kosten für ein Projekt?«

»Ja sind Sie denn wahnsinnig?« Kleinmann beginnt auf einmal lauthals loszulachen. Scheinbar hatte ich soeben aus Versehen doch einen bislang stets verborgen gebliebenen Humornerv getroffen. Nur wodurch?
»Hahaha! Das geht doch nicht aufs Milchbudget! Wofür verwalte ich denn bitteschön noch das millionenschwere Projektbudget?!«, erwidert er, nachdem er sich wieder etwas beruhigt hat. »Da lässt mir der Vorstand freie Hand.«

Ich erfahre zudem, dass im Rahmen des Projektes derzeit eine Ausschreibung bezüglich eines Videoüberwachungssystems für die Kaffeeküche läuft und mehrere, auf Mitarbeiterüberwachung spezialisierte Berater angeheuert werden sollen. Zusätzlich habe er Schmoltke damit beauftragt, einen Business Case für die mögliche Alternative der Haltung firmeneigener Milchkühe zu rechnen.

»Es geht in erster Linie darum«, schließt Graf Zahl seine Rede ab, »dass es im wahrsten Sinne des Wortes ein Verbrechen ist, wenn sich Mitarbeiter des Firmeneigentums in diesem Ausmaß bedienen und wir dadurch sogar noch die Planung anpassen müssen. Diebstahl darf man auf keinen Fall bagatellisieren!«

»Herr Kleinmann«, rufe ich ihm hinterher, als er mein Büro schon fast verlassen hatte, »könnte es sein, dass Sie versehentlich meinen Kugelschreiber eingesteckt haben? Der, mit dem Sie sich eben die ganze Zeit gekratzt hatten …«


Der folgende Tag beginnt mit einer Rundmail.


»Sekretariat des Vorstandsvorsitzenden

AN: Alle Mitarbeiter
CC: Vorstand
BETREFF: Gestern Abend

Sehr geehrte KollegInnen,

wie der eine oder andere von Ihnen, der nicht gerade um Punkt sechs den Stift fallen ließ, mitbekommen haben dürfte, musste unser geliebter Vorstandsvorsitzender gestern Abend mit dem Krankenwagen aus dem Firmengebäude abtransportiert werden.

Er bat mich soeben telefonisch darum, Ihnen mitzuteilen, dass es ihm wieder besser geht. Entgegen anders lautender Gerüchte hat er keinen Herzinfarkt erlitten!

Vielmehr führte eine Milchdiät, die er seit einigen Wochen zur Entschlackung betreibt, unglücklicherweise zu einer schweren Milchvergiftung.

Wir wünschen ihm hiermit alle zusammen eine gute Besserung und hoffen, dass er nächste Woche wieder bei uns sein kann!

Trotz dieser Hiobsbotschaft einen schönen Arbeitstag wünscht ihnen
Das Sekretariat des Vorstandsvorsitzenden
«

Zufällig treffe ich Kleinmann kurz darauf in der Kaffeeküche. »Und? Haben Sie die Personalabteilung schon damit beauftragt, die Kündigung für unseren Oberchef fertigzumachen«, frage ich beiläufig.

Er schaut mich empört an. »Wir wollen doch wegen einer solchen Bagatelle nicht zynisch werden! Passen Sie gefälligst auf, was Sie sagen …«

In diesem Moment betritt Schmoltke die Küche und wedelt stolz mit einem Stapel Papier. »Herr Kleinmann, ich habe den Business Case fertig. Also das mit den eigenen Kühen wäre rein wirtschaftlich gesehen wirklich eine …«

»Schmolkte, finden Sie eigentlich nicht, dass wir derzeit weitaus größere Sorgen haben als Kühe?«, unterbricht Graf Zahl den Buchhalter rüde. »Und wo ich Sie schon mal sehen muss: wann bekomme ich endlich die Vormonatszahlen zum Klopapierverbrauch auf den Mitarbeitertoiletten?«
 

(c) Raymund Krauleidis 2008

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