Gedanken im Schnee
Von Raymund Krauleidis | 22. Januar 2008 | Kategorie: Alltäglicher Wahnsinn
Erschienen im Frankfurter Magazin
photo credit: NachoMC
Ich hatte schon beim Liften ein ungutes Gefühl, ließ mir jedoch - Mann wie ich bin - nichts anmerken. Schließlich hatte ich mir zur Vorbereitung auf dieses Wochenende jedes erdenkliche Skirennen im Fernsehen angeschaut und versucht, mir die Bewegungsabläufe der Fahrer einigermaßen einzuprägen. Was konnte somit noch großartig schief gehen außer, wie sich jetzt herausstellen sollte, alles?
“Was ich am Skifahren so mag”, versuchte mir ein Freund während unserer gemeinsamen Fahrt im Sessellift kurz zuvor seine Passion für die besagte Wintersportart zu erklären, “ist diese Stille. Diese unberührte Natur. Und das Gefühl, im Einklang mit ihr zu sein.” Ich blickte dabei auf ein Meer von grölenden Ski- und Snowboardfahrern sowie auf einen Zwischenpfeiler des Lifts und fragte mich kurz, ob dieser wohl durch einen merkwürdigen Zufall von alleine gewachsen ist.
Jetzt, nur wenige Minuten später, weiß ich, was er meinte und fühle mich auf wundersame Weise ebenfalls im vollkommenen Einklang mit der Natur: Ich liege auf der Erde und habe das ungute Gefühl, dass sie mich nie wieder hergeben würde.
Den Abgrund vor Augen liege ich am Boden. Um mich herum erschließt sich ein Meer aus erdrückendem Weiß. Dazu kommen noch rund fünfzig Skifahrer und Snowboarder, die eifrig darum bemüht sind, meinem kartoffelsackartig herumliegenden Körper auszuweichen so gut es geht.
Nun ist ja der Sollzustand beim Skifahren bekanntlich nicht, auf der Piste herumzuliegen. Vielmehr sollte man sich stehenden Körpers möglichst elegant auf seinen Skiern und nicht, wie in meinem Fall, ein paar Meter von den Selbigen entfernt bergab begeben. Dem Begriff “Fall” wohnt in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen eine gewisse, ungewollte Doppeldeutigkeit inne.
Ich bin mir der Lücke zwischen diesem Sollzustand und meiner derzeitigen Ist-Situation durchaus bewusst. Trotzdem komme ich nicht wieder auf die Beine - was unter Umständen unter anderem daran liegen könnte, dass sich durch den unter mir auftuenden Abgrund mit einem gefühlten Gefälle von 1000% ein gewisses Panikgefühl in mir breit macht.
“Keine Sorge. Kann gar nichts passieren”, höre ich jemanden aus meiner Skigruppe in meine Richtung rufen.
Soso. Und wenn ich auf dem Hosenboden das noch verbleibende Stück Berg herunterrutsche und mir Verbrennungen höchsten Grades am Hinterteil zuziehe? Oder wenn mir jetzt ein doofer Snowboarder die Hand abfährt? Oder wenn ich mich gerade zufällig genau in der Fahrtlinie einer dieser lustig umherirrenden Pistenwalzen befinde und von dieser in mehrere, im Nachhinein nicht mehr zusammenfügbare Einzelteile zerrupft werden.
“Nicht so viel denken! Einfach aufstehen und weiterfahren”, rät mir einer meiner zwischenzeitlich herbeigeeilten Freunde. Toller Tipp!
Den sicheren Tod vor Augen und nichts dabei denken - das ist also das große Geheimnis der Skifahrkunst! Leider ist mein Selbsterhaltungstrieb dafür scheinbar zu ausgeprägt. Ich blicke auf meinen senkrecht im Schnee steckenden Ski und frage mich, ob der Ursprung der Redewendung “Ein Brett vor dem Kopf haben” gar in der Welt des alpinen Wintersports zu suchen ist?
Mühsam helfen mir drei Leute auf Beine und Skier zurück und ich bezwinge die restlichen 800 Höhenmeter bereits binnen fünf Stunden bar jeglicher Eleganz komplett im Pflug. Zurück im Tal bekomme von meinen vermeintlichen Freunden schließlich noch den Titel des “Bergdümmsten” verliehen und mache mich umgehend auf die Suche nach einer Möglichkeit, Alkohol zu konsumieren ohne dabei von DJ Ötzi akustisch belästigt zu werden.
Skifahren ist wohl doch nicht so ganz meine Welt. Morgen versuche ich es mit dem Snowboard. Damit sehe ich wenigstens halbwegs cool aus - selbst wenn ich im Schnee liege…
(c) Raymund Krauleidis 2008







