Corporate Identity

Von Raymund Krauleidis | 4. Januar 2008 | Kategorie: Business as usual

Erschienen auf kolumnen.de
Creative Commons License photo credit: Der Ohlsen

Ich passiere wie jeden Morgen mit quietschenden Reifen die letzte Kurve vor dem Firmen-Gebäude, als mir auffällt, das irgendetwas anders ist als sonst. Dieses Irgendwas ist hässlich, dreieckig und befindet sich seit heute Nacht auf dem Dach des unser Unternehmen beherbergenden Hochhauses.

Lindau»Was’n das?« frage ich die Pförtner beim Betreten des Gebäudes beiläufig und zeige auf das silberfarbene, die Morgensonne reflektierende Dreieck. »CSI …« nuschelt der ältere der beiden Herren. »CI!« wird er von seinem jüngeren Kollegen umgehend korrigiert. Ach so, wir haben also wieder mal eine neue Firmenidentität. Kann ja heiter werden.

Und es ward heiter…

Im Büro angekommen, kümmere ich mich zunächst um die drei allmorgendlichen Ks: Kiste booten, Kaffee holen, Klo. Danach positioniere ich die Nadeln in der Schmoltke-Voodoo-Puppe an andere Körperstellen und widme mich voller Tatendrang meinen neu eingegangenen Emails. »Wissenswertes über unsere neue Corporate Identity« lese ich in der Betreffzeile und öffne gespannt die zugehörige Mail.

»Hallo liebe Kolleg/Innen/en,

ich freue mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass wir das Projekt ›Neue CI‹ zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnten. Dank gebührt an dieser Stelle den Berater/Innen/n und Agenturen, die hart am Erfolg dieses Projektes mitgearbeitet haben. Aber auch den firmeninternen Kolleg/Innen/en sei gedankt – wobei die ja immerhin auch dafür bezahlt werden, dass sie ab und zu etwas Sinnvolles tun. Die Werte unseres Unternehmens werden ab sofort durch ein silberfarbenes, gleichschenkliges Dreieck symbolisiert, welches dem einen oder anderen sicherlich heute Morgen bereits auf dem Dach unserer Firmenzentrale aufgefallen sein dürfte.

Dieses Dreieck spiegelt die so genannten ›Drei Ks‹ – die drei tragenden Säulen unseres Unternehmenserfolges – wider: Kundennähe und Kompetenz. Für das dritte K suchen wir derzeit noch nach einer sinnvollen Bedeutung und bauen hierbei vor allem auf Ihre Mithilfe.

Da die Berater-Mehrkosten für ein drittes K das Projekt-Budget gesprengt hätten, hat der Lenkungsausschuss stattdessen beschlossen, einen Wettbewerb unter allen Mitarbeiter/Innen/n ins Leben zu rufen:

Den/die Einsender/In des originellsten Wortes, das mit einem K beginnt und als potenzielle‚ tragende Säule unseres Unternehmenserfolges halbwegs sinnvoll erscheint, erwartet ein exklusives Mittagessen mit unserem Vorstandsvorsitzenden (die Essenskosten trägt der Mitarbeiter hierbei selbst) nebst einem prominent platzierten Artikel in der nächsten Ausgabe unserer Firmenzeitung (die Druckkosten übernimmt das Unternehmen).

Wir freuen uns auf zahlreiche Einsendungen.

Zudem erwarten Sie in den nächsten Tagen noch weitere Überraschungen rund um das aktuelle Corporate Design. Und helfen Sie bitte auch alle mit, den neuen Slogan unseres geliebten Unternehmens in die Welt hinaus zu tragen – schließlich hat er uns stattliche 250.000 € gekostet:

Die Zukunft hat drei Ecken!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Mithilfe!
Einen erfolgreichen Arbeitstag wünscht
Uschi Blamayer
- Leiterin Unternehmenskommunikation -
«

Ich klicke auf »Antworten«, tippe in Ermangelung einer sinnloseren Idee das Wort »Kollateralschaden« und drücke den »Senden«-Button. Dann lehne mich zufrieden zurück. Genug gearbeitet für heute …

Der nächste Tag beginnt damit, dass ich meinen Schreibtisch suche. Dort wo er bis gestern noch zu stehen pflegte, lacht mich jetzt ein als Miniatur-Tisch getarntes, gleichschenkliges Dreieck hämisch an. Ich renne – wieder eine seiner hinterfotzigen Intrigen vermutend – in Schmoltkes Büro und erwische ihn dabei, wie an einem dreieckigen Mini-Schreibtisch sitzt und gedankenverloren seine Nickelbrille putzt. »Was soll denn der Scheiß?«, frage ich und nicke in Richtung seines Schreibtisches. »Neue CI! Mails noch nicht gelesen? Okay, die alten Tische waren irgendwie … praktischer und größer«, antwortet Schmoltke mit gesenktem Blick. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ausnahmsweise einmal einer Meinung mit ihm zu sein …

Zurück an meinem neuen Arbeitsplätzchen öffne ich hastig die von Schmoltke erwähnte Email aus der Unternehmenskommunikation:


»Hallo liebe Kolleg/Innen/en,

sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass wir heute Nacht die Schreibtische der neuen CI angepasst haben. Die Zukunft hat drei Ecken – und ihre Arbeitsplätze nun endlich auch. Somit sind wir alle bestens für eine erfolgreiche Zukunft gerüstet! Die neuen, dreieckigen Visitenkarten sind übrigens bereits unterwegs. Bitte verwenden Sie ab sofort nur noch diese. Ich möchte Sie bei der Gelegenheit auch darum bitten, noch vorhandenes, nicht CI-konformes Briefpapier umgehend zu entsorgen. Sie werden alle im Laufe des Tages mit neuem, dreieckigem Briefpapier versorgt. Da es jedoch noch kleinere Schwierigkeiten bei der Beschaffung dreieckiger Kuverts und Versandtaschen gibt, bitte ich zudem darum, bis auf weiteres keine externe Korrespondenz zu tätigen. Halten Sie Kunden und Geschäftspartner so lange einfach per Email oder telefonisch bei Laune.

Die Zukunft hat drei Ecken!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Mithilfe!
Einen erfolgreichen Arbeitstag wünscht
Uschi Blamayer
- Leiterin Unternehmenskommunikation -
«

Ich klicke auf »Antworten« und tippe:

» Hallo Frau Blamayer,
mit großer Euphorie versuche ich derzeit, unsere neue CI zu leben, vermisse aber bezüglich der Rahmenbedingungen eine gewisse Stringenz. So muss ich immer noch in einem vier(!)eckigen Raum arbeiten, schaue in meinen vier(!)eckigen Monitor, während ich gerade auf meiner vier(!)eckigen Tastatur vier(!)eckige Tasten drücke. Schaue ich nach draußen, so kann ich das lediglich durch ein vier(!)eckiges Fester tun, und senke ich meinen Kopf in Richtung Boden, so lacht mich ein Teppich mit vier(!)eckigen Karos an. Und was sollen bitteschön unsere Kunden von uns denken, wenn sie erfahren, dass wir mit vier(!)eckigen Telefonen mit ihnen telefonieren?
Ich bitte Sie, die oben genannten Missstände umgehend zu beseitigen. Ich kann so nicht arbeiten!
Die Zukunft hat drei Ecken … Nicht vier!
P.S.: Ergänzend zu meinem gestrigen Vorschlag, möchte ich noch gerne die Begriffe ›Karies‹ und ›Kasachstan‹ für das Gewinnspiel einreichen.
«

Jeder andere Mitarbeiter hätte sich höchstwahrscheinlich nicht getraut, eine solche Mail zu verschicken. Da sich mein leicht zynischer Ruf jedoch zwischenzeitlich im ganzen Unternehmen herumgesprochen hat, mache ich mir mittlerweile keine allzu große Sorgen mehr darüber, ernst genommen zu werden. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellt, als keine halbe Stunde später eine weitere Email von Frau Blamayer freundlichst an mein elektronisches Postfach klopft:

»Hallo liebe Kolleg/Innen/en,

aufgrund der Nachricht eines aufmerksamen Kollegen haben wir uns dazu entschlossen, größere bauliche Maßnahmen im Zusammenhang mit der neuen CI durchzuführen. Um diese Maßnahmen möglichst rasch durchführen zu können, bitte wir alle Mitarbeiter, ab sofort unbezahlten Urlaub zu nehmen und zu Hause zu bleiben! Zudem ist in den nächsten Monaten mit Lohnkürzungen zu rechnen – Sie wissen ja alle, was Handwerker so kosten.

Danke für Ihr Verständnis und Ihre Bereitschaft, sich zum Wohl des Unternehmens und dessen CI zu engagieren. Wir werden uns bei ihnen melden, sobald es weitergehen kann.

Und vergessen Sie bis dahin nicht:

Die Zukunft hat drei Ecken!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Mithilfe!
Einen schönen Urlaub wünscht Ihnen
Uschi Blamayer
- Leiterin Unternehmenskommunikation -
«

Vier Tage später kommt der ersehnte Anruf. Ich hatte die Firma ehrlich gesagt zwischenzeitlich schon ein klein wenig vermisst. Sogar – auch wenn ich das niemals zugeben würde – Herrn Schmoltke aus der Buchhaltung. Kann man eigentlich etwas vermissen, das man hasst?

Etwas angespannt betrete ich endlich mein neu gestaltetes Büro. Ich hatte noch nie zuvor einen dreieckigen Raum mit einem dreieckigen Fenster gesehen, dessen Boden ein mit kleinen Dreiecken verzierter Teppich ziert und in dessen vorderem Winkel ein dreieckiger Schreibtisch steht. Ehrlich gesagt gehört dies auch eher zu denjenigen Erfahrungen, auf die man im Nachhinein lieber verzichtet hätte. Vielleicht hilft ja eine Fototapete?

In einer leicht depressiven Grundstimmung fahre ich gerade meinen Rechner hoch, als Schmoltke, still grüßend und mit einem traurigen Gesichtsausdruck in meiner Bürotür stehen bleibt. »Schlimm, das!« sagt er. »Schlimm, das!« bestätige ich. Schon das zweite Mal binnen kürzester Zeit, dass wir einer Meinung sind. Beängstigend!

»Wenn ich diesen ›aufmerksamen Kollegen‹ erwische, dem wir das zu verdanken haben …« nuschelt Schmoltke. »Jepp …« entgegne ich mit leichtem Anflug eines schlechten Gewissens.

Er schlürft weiter und ich beginne, meine neu eingegangenen Emails zu durchforsten. Es ist zum Glück nur eine einzige, aber der Name »Blamayer« lässt mich Ungutes erahnen …

Ich mache vorsorglich kurz die Augen zu, halte inne, klicke schließlich doch auf »Öffnen« und beginne zu lesen.

»Hallo liebe Kolleg/Innen/en,

ich hoffe, Sie haben sich mittlerweile gut in Ihren neuen Büros eingelebt. Leider gibt es bei vielen Druckern immer noch kleine Probleme mit dem dreieckigen Papier. Aber wir arbeiten dran.

Sicherlich erinnern Sie sich auch noch an unser Gewinnspiel hinsichtlich der Bedeutung des dritten Ks im Rahmen unserer neuen CI. Die Gewinner stehen jetzt fest. Danke an dieser Stelle nochmals an alle, die sich ernsthaft daran beteiligt haben. Sie fragen sich zu Recht, wieso ich eben ›die Gewinner‹ schrieb. Leider konnten wir uns nicht zwischen den Einsendungen ›Kreativität‹ (eingesandt von Herrn Schmoltke aus der Buchhaltung) und ›Know How‹ (eingesandt von Herrn Volkmann aus der Abteilung ›Sonstiges‹) entscheiden. Somit gewinnen beide Beiträge! Unglücklicherweise könnte das jedoch auch Auswirkungen auf unsere neue CI haben. Eine Taskforce überprüft gerade, ob aufgrund der neuen Rahmenbedingungen statt eines Dreiecks nicht doch lieber ein Quadrat verwendet werden sollte. Dies könnte im schlimmsten Fall erneut zu ein paar kleineren Unannehmlichkeiten führen. Wir halten Sie diesbezüglich auf dem Laufenden.

Die Zukunft hat drei Ecken!

Vielleicht aber auch bald vier …

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Mithilfe!
Einen erfolgreichen Arbeitstag wünscht
Uschi Blamayer
- Leiterin Unternehmenskommunikation -
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Wieso nur wundere ich mich eigentlich immer noch darüber, dass es vielen Unternehmen trotz solider Absatz- und Umsatzahlen finanziell angeblich so schlecht geht? Egal. Mein Magen knurrt und ich muss jetzt erst mal etwas essen. Ein Streuseltaler vielleicht? Irgendwie ist mir nach was Rundem.

Von Ecken habe ich vorerst eh die Schnauze voll …


(c) Raymund Krauleidis 2008

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