Indiana Jones und der Börsenschluss
Von Raymund Krauleidis | 19. August 2007 | Kategorie: Alltäglicher WahnsinnErschienen im Frankfurter Magazin
photo credit: Gaetan Lee
Als Kind machte ich in die Hose - später in Aktien. Das Ergebnis war dasselbe…
Mann wird erwachsen. Leider. Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass mein Spieltrieb mit zunehmendem Alter nachließ - er verlagerte sich lediglich. Den Bauklötzchen folgten Spielzeugautos, den Spielzeugautos Computerspiele (so liebte ich Indiana Jones and the Fate of Atlantis auf meinem C64), die dann wiederum eines schönen Tages vom anderen Geschlecht als altersgerechtes Lieblingsspielzeug abgelöst wurden. Da Frauen jedoch bekanntermaßen ein sehr teures Vergnügen sind, spielte Mann weiter. Diesmal mit Geld. An der Börse.
Zwischen der inbrünstigen Verehrung von Indiana Jones und dem Kniefall vor dem Dow Jones lagen bei mir übrigens nur wenige Jahre.
Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie sich Indiana Jones entlang der Advance-and-Decline-Linie durch den Hedge-Fond-Dschungel kämpft, jeden sich ihm in den Weg stellenden Raider gnadenlos out-squeezed und schlussendlich den Tempel of Stock Exchange erreicht, in welchem es zum großen Fill or Kill zwischen ihm und dem bulligen Wallstreet-Bö(r)sewicht Gordon Gekko kommt. Schließlich gelingt es Jones mit Hilfe der smarten Agentin Bond (”Mein Name ist Bond, Zerobond…”), Gekko in die Bärenfalle zu locken und somit die komplette New Economy vor dem sicheren Crash zu bewahren. Professor Dr. Henry Jones sr. gibt seinem Sohn dabei wie immer die volle Rückdeckung.
Wussten Sie eigentlich, dass der Erfinden der Hedge-Fonds mit Nachnamen ebenfalls Jones hieß? Und dass ‘Jones’ übersetzt sowohl ‘Heroin’ als auch ‘Sucht’ bedeuten kann? Aber das nur am Rande…
Ich spekulierte jedenfalls gerne. Anfangs hörte ich dabei oft noch auf scheinbar todsichere Tipps, die irgendjemand von irgendjemandem über drei Ecken gehört hatte, der diese Info angeblich direkt von der Schwester der Putzfrau Josef Ackermanns erhielt, welche einen zerknüllten Fresszettel mit der besagten geheimen Geheiminformation im Biomüll der Familie Ackermann entdeckt haben wollte. Doch offensichtlich schien besagte Putzfrau der deutschen Sprache nicht allzu mächtig zu sein - anders kann ich mir die recht bescheidenen Erfolge dieser Strategie im Nachhinein nicht erklären (okay - darauf, dass der Vatikan nicht ernsthaft gedenkt, sich in großem Stil an der Beate Uhse AG zu beteiligen, hätte ich durch ein bisschen Nachdenken auch selbst kommen können…).
Später machte ich dann, höchst rentabel, hauptsächlich in Puts auf dem südostasiatischen Markt. Zumindest solange, bis mir mein Nachbar - der übrigens hauptberuflich in Hartz IV macht - freudestrahlend erzählte, mittlerweile exakt dasselbe zu tun. Der Anfang vom Ende…
War das schön damals. Als man als männliches ‘Spielgeld-Kind’ noch etwas ganz besonderes war. Als man beim Buchstaben ‘T’ noch an Titten dachte und nicht an Magenta. Als einem die Titten nur so zuflogen, wenn man erzählte, man mache in Aktien und Optionsscheinen und in entsprechenden, den Erfolg widerspiegelnden Fahrzeugen vorfuhr. Keiner der Mädchen wollte wissen, was Puts oder Calls sind und ihnen war es vollkommen egal, ob sie während des Liebesspiels über oder unter Pari lagen. Heute hingegen weiß jede Straßen-Nutte weitaus mehr über Optionsscheine als ich.
Die Folge: Meine Gewinne schrumpften, die Frauen zogen sich zunehmend zurück und irgendwann reichte es nicht mehr aus, mein Geld für mich arbeiten zu lassen. Scheiße - ich musste es selbst tun! Danke, Volksaktie! Danke, T-Com! Danke, Bild-Zeitung!
Trotzdem spekuliere ich auch heute noch ab und zu ganz gerne - sofern es die mittlerweile knapp bemessene Zeit zulässt. Mein Hartz-IV-Nachbar ist diesbezüglich klar im Vorteil: Er hat die Stock Exchanges dieser Welt rund um die Uhr im Blick. Und auf sein neues Cabrio bin ich, ehrlich gesagt, schon ein klein wenig neidisch. Deshalb werde ich nächste Woche mal beim Finanzamt anrufen. Nur so. Zur Sicherheit. Anonym. Ich will ja schließlich unser gutes, nachbarschaftliches Verhältnis nicht ernsthaft belasten.
Aber nun genug vom Thema! Das Ganze schlägt mir mittlerweile ziemlich auf die Spekulationsblase. Doch aus dem Alter, in dem ich in die Hose mache, bin ich zum Glück schon längst raus. Und bald mache ich mit den Wertpapieren Börsenschluss - Indiana Jones hat schließlich auch nie in Aktien gemacht.
Dennoch konnte ich von seinem ROI bislang stets nur träumen…
(c) Raymund Krauleidis 2007







