Nichts is nich - oder: Irgendwas ist immer

Von Raymund Krauleidis | 5. August 2007 | Kategorie: Alltäglicher Wahnsinn

Erschienen im Frankfurter Magazin

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Es sind mitunter die kleinen Dinge im Leben, die Menschen auf großen Gedanken bringen.

So saß ich neulich in gleichwohl trauter wie intimer Runde mit einem Freund an der Bar einer auf den ersten Blick zwielichtig anmutenden Spelunke (auch auf den zweiten Blick änderte sich an diesem Eindruck zugegebenermaßen relativ wenig). Der Worte müde und den vor uns stehenden Getränken zugewandt genossen wir - in mehr oder weniger philosophischen Gedankenströmen vertieft - den Moment.

“Irgendwas ist immer”,

durchbrach mein Freund aus dem Nichts die unangenehm anmutende Stille, welche man selbst mit einem vertrauten Menschen kaum zu ertragen in der Lage ist. “Was?”, entgegnete ich geistesabwesend.

“Ah, nichts!”

Ich hielt inne und sortierte meine Gedanken. “Wie ist es möglich, dass - sofern die These, dass irgendwas immer sei als wahr angenommen werden kann - besagtes ‘Irgendwas’ auch den Zustand ‘Nichts’ einzunehmen im Stande ist?”, versuchte ich meiner geistigen Arbeit verbal Herr zu werden.

“Was?”

“Eben! ‘Was’ entspricht in allen mir bekannten Fällen nicht dem eben besagten ‘Nichts’. Ist das Nichts überhaupt wirklich oder lediglich eine als solche nicht existierende Form der Komplexitätsreduzierung unserer Realität? Hast Du das Nichts jemals erlebt oder gesehen?”

“Hm. Wenn ich die Augen zumache…”

“Dann, mein geschätzter Freund, sieht Du schwarz oder - je nachdem wie vollständig Du Deine Augen schließt - bestenfalls diffuse Grautöne. Beides ist jedoch wiederum etwas, nämlich eine Wahrnehmung. Somit beweist auch das simple Schließen der Augen eindeutig nicht die Nicht-Existenz des Nichts! Im Gegenteil…”, konterte ich mit dem sicheren Gefühl des argumentativen Triumphes.

“Ach, was weiß denn ich!”

Ich erahnte seine Provokation. “Du möchtest jetzt wohl, dass ich Dir hierauf mit ‘Nichts’ antworte, mein Freund. Aber Du weißt sehr wohl sehr viel. Zum Beispiel, dass wir uns derzeit in einer Bar befinden. Und dass wir - auch im Disput - Freunde sind. Du weißt, dass sie die Erde ellipsenförmig um die Sonne dreht. Und dass heute Montag ist. Das ist somit in Summe weitaus mehr als nichts!”

“Warum müssen wir jetzt eigentlich überhaupt über dieses scheiß Nichts reden?”

“Ganz einfach. Weil wir denken, wir hätten uns sonst nichts zu sagen. Weil wir denken, dass in unseren kleinen, beschissenen Leben nichts passiert - und das, obwohl wir jede Minute unseres Lebens von irgendetwas umgeben sind. Das wiederum erscheint uns jedoch zu trivial, als dass es uns wert wäre, darüber zu reden. Aus diesem Grund verstecken wir uns lieber hinter der Illusion des Nichts und geben uns dem irrsinnigen Gedanken hin, wir wären ein Selbiges! Schlussendlich äußert sich das in sinnentleerter bis überhaupt nicht stattfindender Konversation.”

“Ach leck’ mich doch!”

Ich glaubte eine gewisse Grundaggressivität in seiner Phonetik zu erkennen. Scheinbar vermochte ihn Nichts aus der Ruhe zu bringen.

“Über was streitet ihr euch eigentlich?”, mischte sich der aus dem Nichts erscheinende und ob des für ihn ungewohnten Anblicks zweier scheinbar im Disput liegender Freunde etwas verstört wirkende Gastwirt unerwarteterweise in die laufende Diskussion ein.


“Über Nichts!”, antwortete ich ein Lächeln unterdrückend, aber dennoch wahrheitsgemäß.

“Irgendwas ist eben immer - auch wenn man es mitunter nicht sofort zu realisieren vermag”, stand mein Freund mir gleichwohl plötzlich wie unerwartet zur Seite. Er hatte begriffen.

Was blieb war ein irritiert dreinschauender Gastwirt sowie zwei im konspirativen Glück vereinte Freunde, welche sich augenzwinkernd und wissend zuprosteten.

Wenn das mal nichts ist…

(c) Raymund Krauleidis 2007
Cartoon: Bia Bösch

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