Von Uranus, Pfand und dem Ende der Welt
Von Raymund Krauleidis | 24. Juli 2007 | Kategorie: Alltäglicher Wahnsinn
photo credit: fischerhuder
Es gibt Gedanken, die an und für sich zwar durchaus lobenswert sind, deren praktische Umsetzungen allerdings eher zu wünschen übrig lassen…
So ist es beispielsweise eine sehr gute Idee, umweltbewusst zu handeln, um hierdurch die Halbwertszeit unseres zugegebenermaßen recht schönen Planeten um ein paar Jährchen zu verlängern, jedoch wohnt der Realisierung dieses Vorhabens nicht immer zwangläufig so etwas wie Konsequenz und durchdachtes Handeln inne.
Wo ich gerade schreibe, dass ich unseren Planten eigentlich recht schön finde, so fällt mir auf, dass ich diese Aussage als solche eigentlich gar nicht zu tätigen befähigt bin, da mir ein direkter Vergleich, welcher eine solche rechtfertigen würde, bislang leider noch nicht vergönnt gewesen ist. Fände ich womöglich den Planeten Uranus viel schön als unsere Erde, wenn ich die Chance dazu gehabt hätte, ihn höchstpersönlich kennen zu lernen? Wäre es mir dann womöglich egal, was mit der Erde passiert, weil ich eh mit dem Gedanken schwanger gehen würde, kurz- bis mittelfristig interstellar auszuwandern? Schließlich ist es mir auch relativ egal, was mit meiner abgelebten Wohnung passiert, wenn ich genau weiß, dass ich alsbald in eine neue, weitaus komfortablere umzusiedeln gedenke.
Doch ich schweife ab. Weder war meine ursprüngliche Intention, über die etwaigen Vorzüge anderer Planeten zu sinnieren noch spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken umzuziehen. Ich gedachte vielmehr, mich mit profanen Dingen wie Plastikbechern zu beschäftigen. Ich meine in diesem Zusammenhang jene Trinkgefäße aus Plastik, in welchen - hauptsächlich in Kombination mit dem Auftreten größeren Menschenmassen unter freiem Himmel (auch ‘Open-Air’ genannt) - mehr oder weniger erfrischende Getränke zu meist mehr als weniger horrenden Preisen dargereicht werden. Einst waren die diesem Zweck dienliche Behältnisse übrigens aus Glas, jedoch wurde diese Tatsache oftmals dazu missbraucht, die verletzenden bis tödlichen Eigenschaften des eben genannten Werkstoffes aus mehr oder weniger gegebenem Anlass auszunutzen, was wiederum zunehmend mehr mehr als weniger intelligente Leute dazu veranlasste, die Idee vorzubringen, künftig hierfür doch lieber anderweitige, ungefährlichere Materialien zu verwenden.
Zwar ist Plastik für die menschliche Gesundheit bekanntermaßen ähnlich sicher wie Windows Vista für einen handelsüblichen PC, jedoch weist es im Hinblick auf Fragen des Umweltschutzes eher XP-esque Sicherheitslücken auf. Aus diesem Grund erfand man kurzerhand etwas, das auch heute noch jedem Möchtegern-Umweltaktivisten einen verklärten Glanz in die Augen zu zaubern vermag: das Becherpfand. Statt das umweltgefährdende Plastik in Wäldern und Wiesen zu vergraben oder in Flüssen zu verklappen, brachten die Getränkekonsumenten fortan zu weiten Teilen ihre Trinkbehältnisse gegen bare Münze brav zur Getränkestation zurück. Dort werden diese übrigens - auch heute noch - gesammelt und anschließend von deren Betreibern in Wäldern und Wiesen vergraben oder in Flüssen verklappt . Aber das nur am Rande.
Immer mehr findige und geschäftsträchtige Leute sollten das eben erläuterte System jedoch im Folgenden auf dreisteste Art und Weise unterwandern. So schmolzen sie, um nur ein Beispiel zu nennen, Plastikabfälle ein, um aus der heißen Polyethylen-Pampe möglichst naturgetreue Becherfälschungen zu formen, welche sie dann auf entsprechenden Großveranstaltungen in teures Pfand einzutauschen pflegten. Des Weiteren häuften sich Berichte über die kriminellen Machenschaften von dreisten Becherdieben und der so genannten ‘Pfand-Mafia’. Um diesem Gebaren Einhalt zu gewähren, erfand man deshalb wenige Jahre sowie mehrere teure Recyclingbetrater-Manntage später die Pfandmarke, bei welcher es sich um einen meist kreisrunden, farbigen Plastikchip handelt, welcher zusammen mit den gefüllten Plastikbechern ausgegeben wird und den Konsumenten in Kombination mit den entleerten Selbigen zur Rückforderung des ursprünglich gezahlten Pfandentgeltes ermächtigt.
Rein oberflächlich betrachtet schien der Plan aufzugehen: die Tatsache, dass man seither im Ungewissen lebt, welche Größe und Farbe die Pfandmarke der jeweiligen Veranstaltung genau haben wird, führte nur wenige Wochen nach der Einführung der Pfandmarke zur Selbstauflösung der mittlerweile völlig konsternierten Pfand-Mafia.
Was jedoch nur wenige wissen ist, dass für die Herstellung einer einzigen Pfandmarke aus Plastik für gewöhnlich etwa zwei Tonnen Kohlenmonoxid (hierbei handelt es sich um eine zugegebenermaßen grob geschätzte Mengenangabe des Verfassers, der jegliche wissenschaftliche Fundierung fehlt) sowie - je nachdem, in welchem Drittweltland gerade produziert wird - bis zu drei Stunden schweißtreibende Kinderarbeit aufgebracht werden müssen. Von der zusätzlichen Verschmutzung von Wäldern, Wiesen und Flüssen durch Abermillionen vergrabene beziehungsweise verklappte Plastik-Pfandmarken einmal ganz abgesehen.
Es ist daher nicht allzu weit hergeholt und hoffentlich gut nachvollziehbar, wenn ich an dieser Stelle behaupte, dass ein Großteil allen Übels dieser Welt auf die Existenz von Plastikbechern und Pfandmarken zurückzuführen ist. Alle Geschichten, in denen wir unseren Ur-Enkeln vom unmittelbar bevorstehenden Ende der Erde berichten werden, müssten somit eigentlich folgerichtig mit den Worten “Es begann mit dem Becherpfand…” beginnen.
Doch bis dahin bleibt uns hoffentlich noch ein klein wenig Zeit - sowie die vage Hoffnung, dass es auf dem Uranus auch wirklich keine Plastikbecher gibt. Denn schließlich fügen diese nicht nur der Umwelt nachhaltige Schäden zu, auch das Bier schmeckt aus ihnen - sind wir doch mal ganz ehrlich - einfach nur scheiße!
(c) Raymund Krauleidis 2007







