Pamphlet gegen die Langsamkeit
Von Raymund Krauleidis | 16. Juni 2007 | Kategorie: Alltäglicher WahnsinnErschienen im Frankfurter Magazin
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Stillstand ist der Tod. Wäre diese Redewendung auch nur ansatzweise wahr, so würden die deutschen Groß-, Mittel- und Kleinstädte mittlerweile in stinkenden Leichenbergen versinken. Zugegeben: Man muss nicht immer durch das Leben rasen wie ein wild gewordener Stier, aber ab und zu ein bisschen mehr Tempo oder wenigstens ein Ziel vor Augen - das wäre doch nicht zu viel verlangt, oder?
Samstagmittag. Ich gehe einkaufen. Doch an ein Vorankommen ist nicht zu denken: Trödelnde Pappnasen wechseln sich mit popelnde Penner und menschenähnlichen Wesen, die versuchen, Schlafen und Gehen in perfekten Einklang zu bringen, wobei der Schwerpunkt jedoch eindeutig auf ersterem liegt, ab. Immer wieder fällt mir in diesen und ähnlichen Situationen ein etwas älterer, aber thematisch immer noch aktueller Song von Tocotronic ein, in welchem sie sich fragen, ob die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam gehen, um ein Vorwärtskommen anderer zu verhindern.
Ich vermute das grundlegende Problem darin, dass schlendernde Menschen eigentlich gar nirgends hin wollen. Weder hier und heute in der Stadt, noch sonst irgendwie in ihrem weiteren Leben. Ziellos irren sie durch die ihnen noch bis zum Tod verbleibenden Jahrzehnte und haben innerlich mit ihren tristen, kleinen Leben bereits abgeschlossen (Doppelhaushälfte, Rhododendron im Vorgarten, ‘Herzlich Willkommen’-Schuhabstreifer, monatlich Sex am 17., Beamtengehalt etc.).
Verständlich - unter dieser Voraussetzung hätte ich auch Zeit. Aber ich gehöre nun einmal leider zu der Gattung Mensch, die noch irgendwo hin will. Sei es jetzt erstmal zu Karstadt und auch in meinem restlichen Leben möchte ich gerne noch das eine oder andere Ziel erreichen. Also lasst mich gefälligst vorbei, ihr scheintoten Schildkröten und verkriecht euch wieder dahin, wo ihr eh den Großteil eures Lebens verbring: auf die Couch und vor den Fernseher.
Ich beobachte nebenher - ich bin ja leider gerade dazu gezwungen, Zeit für so etwas zu haben - die mir entgegenkommenden Pärchen und kann hierbei zwei grundlegend unterschiedliche Verhaltensmuster erkennen. Erstens: Pärchen die im absoluten Gleichklang nebeneinander her laufen. Ich vermute, dass diese Beziehungen von langer Dauer sein werden - der Rhythmus stimmt zumindest. Ob sie gemeinsam in einer Doppelhaushälfte wohnen oder noch klare Ziele vor Augen haben, sei einmal dahingestellt.
Weitaus schwieriger wird es mittel- bis langfristig für Pärchen der Kategorie zwei: der eine Teil rennt strammen Schrittes voraus, während die andere Person - träge vor sich hinträumend - mindestens fünf Meter hinter dem Schrittmacher herschnarcht. In regelmäßigen Abständen bleibt dann der oder die führende Person stehen, um mehr oder weniger genervt auf den scheinbar schlafwandelnden Partner zu warten.
Wie wohl Sex bei Paaren dieser Art abläuft? Gibt sich der Pacemaker der Beziehung bereits einem ekstatischen Orgasmus im Schlafzimmer hin, während sich der Partner gerade mal eben mitsamt seinen Filzpantoffeln völlig leidenschaftslos von der Wohnzimmercouch erhebt? Stirbt deshalb unser Volk zusehends aus? “Ich gebe euch noch maximal zwei Jahre”, denke ich, während ich mich fies grinsend durch die zwischen einem Pärchen der Kategorie zwei entstandene Lücke hindurchmogle.
Stillstand ist eben doch der Tod. Zumindest im übertragenen Sinn. Und derjenige, der das nächste Mal kurz vor Ladenschluss am Ende der Rolltreppe lethargisch vor mir stehen bleibt, ersetze doch bitte das ‘übertragenen’ im vorherigen Satz entsprechend…
Sagt bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.
(c) Raymund Krauleidis 2007







