Drei Lektionen über Design
Von Raymund Krauleidis | 18. März 2007 | Kategorie: Alltäglicher WahnsinnErschienen im Frankfurter Magazin
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Ein verregnetes Wochenende und eine große Designmesse in der Stadt. Was liegt also näher, als selbiger einen Besuch abzustatten? Eigentlich ziemlich viel, aber was tut man nicht alles, um seinen Horizont zu erweitern.
Das Originelle solcher Vorhaben an verregneten Wochenenden ist, dass abertausende anderer Menschen dieselbe Idee haben. Daher darf man sich eigentlich nicht weiter wundern, dass wir uns kaum noch fortpflanzen - die Gelegenheit, gemütlich im Bett zu bleiben wäre eigentlich äußerst günstig. Aber was soll’s: Bin ja auch nicht wirklich besser…
Ich reihe mich also brav in die Schlange vor der Kasse ein. Zehn Minuten sowie drei vermeintlich versehentliche Tritte meines Hintermannes gegen Ferse und Wade später bin ich dann auch tatsächlich in der Messehalle und sehe… Dinger.
Ich lerne meine erste Lektion über Design: Je länger man dazu braucht herauszufinden, was das jeweilige Objekt überhaupt sein soll, desto bessere Arbeit hat der Designer geleistet. Im Normalfall kauft man sich aus purer Neugier ein Designerstück für mehrere Tausend Euro, um sich noch Monate später zu fragen, was man damit eigentlich machen kann. Da aber alle Freunde und Bekannte das Ding “voll klasse” finden (obwohl sie den praktischen Nutzen auch nicht wirklich erkennen - dies aber unter keinen Umständen zugeben, da sie sich sonst als Banausen oder Desginmuffel outen könnten), findet man sich irgendwann mit dem Gedanken ab, dass man zwar ein ganz nettes Ding erworben hat, jedoch niemals herausfinden wird, für was es eigentlich gut ist.
Ich beschließe, mich diesem Schicksal nicht zu stellen und suche stattdessen den direkten Dialog mit den Kunstschaffenden. Zugegeben, oftmals ist es nicht ganz einfach, die Designer selbst zwischen all ihren skurrilen Objekten ausfindig zu machen. Man erkennt sie aber bei genauerem Hinsehen daran, dass sie sich im Gegensatz zu ihren Kunstwerken bewegen und auch reden können. Oftmals ist das das einzige Unterscheidungsmerkmal.
Jedoch laufen die Dialoge zwischen ihnen und mir eher suboptimal. Meine Frage nach dem praktischen Nutzen eines Objektes aus Draht und Stein, das einfach nur sinnlos herum steht, wird vom ‘Künstler’ selbst nur mit einem irritierten Blick quittiert. Okay, es kann natürlich sein, dass er kein Deutsch spricht. Schließlich befinden unter den Ausstellern auch viele Designer aus Österreich, der Schweiz und Holland.
Auch die Frage, ob ich die ausgewiesene Design-Salz-und-Pfefferstreuer-Kombination aus Stein im Bedarfsfall mit Curry oder Paprikapulver befüllen dürfte, ohne das künstlerische Moment des Objektes zu zerstören, wird vom ihrem Schöpfer nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet. Ehrlich gesagt wird sie gar nicht beantwortet. Plötzlich möchte sich dann auch meine Freundin nicht mehr mit mir unterhalten und distanziert sich zunehmend. Ich lerne die zweite Lektion: Design bedarf keiner Worte.
Fortan halte ich also den Mund und schlendere weiter. Wir passieren Stände mit Gürteln aus ausrangierten Fahrradreifen, Ringen aus gefalteten Kaugummipapierchen, Holzkohle-Kettenanhängern, Kleidungsstücken aus Jutesäcken sowie Handtaschen aus alten Langspielplatten (für die jüngeren Leser: so etwas wie CDs nur größer, schwarz und mit Rillen).
Ich beginne zu verstehen…
Als wir wieder zuhause sind, fragt mich meine Freundin, wie es mir gefallen hat. Ich sage: “Sehr schön, mein Schatz! Und nächstes Jahr gehen wir wieder hin!”. Was sie bislang noch nicht weiß: dann wechseln wir die Seiten. “Übrigens: Was hältst Du davon, wenn wir nächstes Wochenende mal ein bisschen ausmisten?”
Ich hatte die dritte Lektion über Design verstanden: Das Geld liegt nicht nur auf der Straße - es liegt auch im Keller. Oder auf auf dem Dachboden. Oder im Müll. Man muss einfach nur ein paar Ideen haben.
(c) Raymund Krauleidis 2007







