Bin ich noch abnormal?
Von Raymund Krauleidis | 2. Februar 2007 | Kategorie: Alltäglicher WahnsinnDie schlimmsten Beleidigungen erfolgen durch Wörter, die mit der Gürtellinie ungefähr so viel zu tun haben, wie Pinguine mit einem Monsunregen. Mal ehrlich, wer würde - wenn er die Wahl hätte - nicht lieber ein “Arschloch” sein als “süß”, “nett”, “putzig”, “drollig” oder “goldig”? Unangefochtener Spitzenreiter aller Beleidigungen ist aber immer noch ein langweiliges Wort mit sechs unbedeutenden Buchstaben: “Normal”!
“Du bist so süß normal!”. Man könnte einem Menschen, statt ihm diesen Satz offen ins Gesicht zu prügeln, auch gleich seine bloße Existenz absprechen - die Wirkung wäre nahezu die Selbe. Wer will denn schon normal sein? Und was ist das überhaupt? Jedenfalls totlangweilig!
Reicht es für eine eindeutige Einstufung als “normal” eigentlich aus, wenn man offen zugibt, am liebsten die Musik zu hören “die eben so im Radio läuft und die gerade in den Charts ist”? Oder muss noch mehr dazukommen wie etwa Brad Pitt für gut, George W. Bush für doof oder den Weltfrieden an sich für eine richtig tolle Sache zu halten?
Ich versuchte schon seit längerem, mich abzugrenzen um nach außen hin den Anschein zu erwecken, ich sei gänzlich abnormal. Deshalb hörte ich zur Sicherheit nur noch Musik von osteuropäischen Liedermachern, schaute mir grundsätzlich keine Filme mit Brad Pitt mehr an (wobei ich Babel schon gern gesehen hätte) und äußerte in der Öffentlichkeit gerne einmal die These, dass der Weltfrieden die Menschheit auch nicht wirklich weiterbringen würde.
Dafür, dass ich George W. Bush bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit als “guten Präsidenten” bezeichnete, erntete ich oftmals derart ungläubige Blicke, dass ich mir phasenweise wie der unkonventionellste Mensch der Welt vorkam.
Ein herrliches Gefühl!
Okay, ich musste mitunter auch Opfer bringen. So hätte ich meine Freunde schon gerne nach Mallorca begleitet. Aber da geht ja jeder hin - zumindest jeder, der Mallorca nicht aussprechen kann und das Doppel-L gut hörbar zum Besten gibt, wenn er gefragt wird, wo’s denn im Urlaub hingehe (also grob geschätzt rund 90% der Bevölkerung).
Stattdessen buchte ich einen völlig unkonventionellen Suaheli-Sprachkurs in Somalia und durfte mich zwei Wochen lang mit anderen unkonventionellen Leuten zu Tode langweilen.
Allen voran Ulrike. Sie war fett, pickelig, hörte gerne Zwölftonmusik und liebte es, sich mit mir in der knapp bemessenen Freizeit über Menschenrechtsverletzungen im Sudan zu unterhalten - wie schlimm das alles sei und so… Meinen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, jeder Deutsche sollte gesetzlich dazu verpflichtet werden, ein Kind aus dem Sudan zu adoptieren fand sie übrigens “voll klasse”. Er würde ihr zeigen, dass ich sehr viel reflektiere und an Lösungsansätzen interessiert wäre und so weiter. Irgendwann sagte ich dann gar nichts mehr und schlief friedlich unter ihrem pseudo-intellektuellen Geblubbere ein.
Meine Freunde räkelten sich währenddessen wenige tausend Kilometer entfernt ausgelassen in der Sonne und hatten Spaß. So auch Gregor. Er studiert Philosophie und macht grundsätzlich nur dass, was ihm Spaß macht - egal ob es von der Gesellschaft als normal anerkannt wird oder nicht. Ich war immer ein kleines bisschen neidisch auf ihn.
Vor einiger Zeit sagte er etwas, was mich nachdenklich machte: Er äußerte die These, dass zwanghafte Abnormalität gerade normal sei und dass es deshalb eher abnormal wäre, sich über die Normalität keine Gedanken zu machen sondern einfach nur so zu leben, wie es einem gerade gefällt.
Damals hatte ich ihm noch widersprochen - das klang für mich einfach zu einleuchtend und normal. Als mir jedoch Ulrike vor kurzem in einer E-Mail schrieb, sie fände mich “irgendwie voll goldig”, wusste ich, was zu tun war: Ich kaufte mir die neueste Bravo-Hits, buchte zwei Wochen Mallorca - natürlich von mir im Reisebüro mit gut hörbarem Doppel-L ausgesprochen - und schaute mir endlich Babel an. George W. Bush find ich übrigens mittlerweile auch doof.
Gregor hatte recht und ich kann es nun rundum genießen, abnormal zu sein! Zumindest solange, bis mich wieder irgendjemand “süß” findet…
(c) Raymund Krauleidis 2007







